Anleitung zum Aufregen

Die Welt macht es uns immer schwerer, sich aufzuregen. Man versteht ja immer weniger. Was es genau mit der Eurokrise und -rettung auf sich hat, wie das jetzt mit China und seinen Dissidenten ist oder die gottverdammte Klimakatastrophe: Alles viel zu komplex für einen wohl verdienten Aufreger zwischendurch.

Glücklicherweise bietet uns der Alltag andere Möglichkeiten, um die schlaffen Emotionen in Wallung zu bringen, im besten Falle sogar in Verbindung mit einem wohl verdienten Überlegenheitsgefühl. Worüber und vor allem wie man sich als Mensch von Welt am besten aufregt, zeigt folgende Übersicht.

1. Klatschen im Flugzeug

Man kennt das: Kaum ist das Flugzeug – oder wie wir sagen, der Flieger – gelandet, fangen die anderen Passagiere an zu klatschen. ZU KLATSCHEN! Wie die Tiere!
Man möchte der Stewardess das Mikrofon aus der Hand reißen und dem Plebs erklären, dass der Pilotenjob eine Landung nun mal beinhaltet und sie ja wohl auch nicht applaudieren, wenn der Busfahrer sie heil zum Arbeitsamt gebracht hat. Die korrekte Reaktion allerdings ist es, mit hochgezogenen Augenbrauen sein Umfeld zu scannen, um jemanden zu finden, der genauso denkt. Findet man jemanden, zieht man die Augenbrauen als Zeichen des gegenseitigen Erkennens noch ein Stückchen höher und feiert diesen kleinen Erfolg mit einem Seufzer.

2. Dicke Menschen

Wenig bietet so viel Aufregungspotenzial wie dicke Leute. Außer vielleicht dicke Leute, die in der Öffentlichkeit essen oder dicke Leute in Leggings – denkbar ist auch der schlimmst mögliche Fall: dicke Leute in Leggings, die in der Öffentlichkeit essen. Es ist eine einzige Provokation. Diese Menschen laufen rum und nehmen Nahrung zu sich, ganz so als wüssten sie überhaupt nicht, dass sie fett sind. Hier möchte man natürlich sofort einschreiten und ihnen ein „Sie sollten sich was schämen!“ oder „Müssen Sie etwa immer noch essen?“ zuraunen, aber man ist ja kein Unmensch. In dem Fall ist es äußerst hilfreich, eine Begleitung zu haben, der man sein Unverständnis darüber mitteilen kann. Ansonsten tun es auch missbilligende Blicke.

3. Englisch im ICE

Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft ist der vereinte Ärger über die Bahn. Verspätungen, Zugausfälle und erst diese Ticketpreise!
Das alles wäre aber noch zu verkraften, würde der Bahnchef endlich seine Mitarbeiter zu Sprachkursen verpflichten. Man blamiert sich fast zu Tode, wenn das Zugpersonal mitreisenden Touristen nicht die Umsteigemöglichkeiten auf Englisch erklären können. Das Schlimmste aber sind die Zugdurchsagen. Wie peinlich die schlechte Aussprache des „Thank you for travelling with Deutsche Bahn.“ war und erst das „We wish you a pleasant journey.“. Es klingt, als wären wir ein Volk von Primitivlingen, die amerikanische Serie in synchronisierter Fassung gucken! Hierüber herrscht im Großraumabteil zum Glück immer Einigkeit, man kann nach einer solchen Durchsage also ruhig verächtlich auflachen und sich der Solidarität der Mitreisenden sicher sein.

4. Gegenderte Texte

Gesellschaftlicher Wandel gut und schön, aber doch nicht zu Lasten unserer Sprache! Ein „Mitbürgerinnen und Mitbürger“ am Anfang eines Textes ist noch zu verkraften, alles andere ist Sprachverhunzung und verletzt unseren Sinn für Ästhetik. Wenn es in einem Artikel im Handelsblatt um Aufsichtsräte geht, ist es doch wohl jedem klar, dass damit auch Frauen gemeint sind.
In diesem Fall hilft nur aktive Sprachpflege: Leserbriefe und Blogkommentare zu jedem gegenderten Text, außerdem höhnisches Lachen und missbilligendes Kopfschütteln.

5. Omas mit Münzgeld

Supermärkte sind voller alter Menschen mit Münzgeld. Alte Menschen sind sowieso eine Zumutung, hat man aber das Pech hinter so jemandem an der Kasse zu stehen, sind sie eine Zumutung, die Lebenszeit kostet. Es ist überhaupt nicht einzusehen, weshalb Rentner ihre Einkäufe nicht zwischen 11.30 und 12.30 Uhr erledigen können, sondern Berufstätigen im Weg stehen müssen. Dazu kommt, dass ihnen das Prinzip EC-Karte immer noch nicht geläufig ist und sie ihre Äpfel und Kommißbrot mit Münzgeld bezahlen wollen. Zittrige Omahände in Verbindung mit grauem Star – eine einzige Anmaßung! Für jede zehn Sekunden, die sie in ihrem Münzfach kramen, darf man als Wartender einmal aufseufzen, ruhig auch etwas lauter, man bedenke die Altersschwerhörigkeit.