Archiv der Kategorie: Uncategorized

Mit Männern reden

Seit acht Jahren bin ich Autorin und verdiene mein Geld mit Humor. Das heißt, seit acht Jahren muss ich Männern bestätigen, dass ich davon leben kann. Diese Männer sind jetzt nicht etwa mein Vermieter oder mein Bankberater. Nein, ich kenne diese Männer nicht. Wenn ich zum Beispiel auf einer Geburtstagsparty in der Küche stehe und mit einem Mann, der dort am Kühlschrank lehnt, ein Gespräch beginne, kommt früher oder später die Frage, was ich denn eigentlich so mache. Dann habe ich im Schnitt noch 15 Sekunden Zeit ins Wohnzimmer zu fliehen, bis er mir die Anschlussfrage stellt: „Kannst du davon leben?“. Ganz offensichtlich doch schon. Ich habe Puls und mein entnervtes Stöhnen müsste ihm verraten, dass auch meine Atmung noch funktioniert.

„Kannst du davon leben?“

Was will er? Kontoauszüge? Von meinem Steuerberater beglaubigte Einkommensnachweise? Oder möchte er mir heimlich einen Zwanni zustecken, wenn ich Nein sage?

Versteht mich nicht falsch, ich gehöre zu den drei Deutschen, die überhaupt keine Probleme damit haben, über Geld zu reden. Aber eine Gehaltsüberprüfung durch einen fremden Mann mit 0,9 Promille, der an einem Kühlschrank lehnt, das geht selbst mir zu weit.

Neben diesen Finanzspezialisten gibt es noch die Männer, die mich fragen, ob ich denn schon mal was veröffentlicht hätte. Ja, sie fragen nicht was, sondern ob. Ich meine, ich habe ihnen gerade gesagt, dass ich Autorin bin. Wer würde sich Autorin nennen, ohne jemals etwas veröffentlicht zu haben? Oder lasst es mich so formulieren: Wer über 13 würde sich Autorin nennen, ohne jemals etwas veröffentlicht zu haben?

Eine andere beliebte Frage von Männern, wenn sie hören, dass ich mit Humor mein Geld verdiene, lautet: „Willst du nicht mal was Richtiges schreiben?“. Das ist so deutsch, dass ich jetzt gerne sagen würde, dass das fürchterlich deutsch ist, wäre es nicht gleichermaßen so fürchterlich deutsch, darauf hinzuweisen.

Lustige Männer – ja, die gibt es. Es ist lediglich ein Gerücht, dass Männer nicht witzig sind – lustige Männer fragen das übrigens nie. Die wissen, dass Humor harte Arbeit ist, die am Ende aber immerhin mit viel Geld und viel Sex belohnt wird.

Etwas weniger lustige Männer zeigen noch eine weitere Reaktion, wenn sie von meinem Beruf erfahren. Sie fragen, ob ich den schon kenne. Ja, sie erzählen mir tatsächlich einen Witz. Und nein, sie fragen nicht etwa, ob ich ihnen einen erzählen könne. Immerhin ist das ja mein Job. Was machen diese Männer, wenn sie ein Date mit einer Anwältin haben? Zitieren sie aus dem BGB? Und singen sie für Kindergärtnerinnen das Lied vom Plumpsack? Und was machen sie bei Chirurginnen? Ach, ich will es gar nicht wissen.

Es ist sogar schon dreimal vorgekommen, dass Männer mir erst einen Witz erzählten und dann zu mir sagten, ich dürfe diesen Witz auch gerne für meine Arbeit verwenden. Und wir reden hier nicht von geistreichen Bonmots, sondern von „Treffen sich zwei Jäger, beide tot.“.

Wenn sie hören, dass ich Autorin bin, fragen einige Männer auch sofort: „Für Kinderbücher?“. Nichts gegen Kinder, einige meiner besten Freunde sind Kinder. Aber die Vorstellung, dass Frauen vor allem für Kinder schreiben möchten, ist dann absurd, wenn der Mann nicht gerade aus einer Zeitkapsel gestiegen ist, in der er seit 65 Jahren auf Trockeneis lag und zwar ohne Internetanschluss.

Aber ich mache hier Witze über die Fragen der Männer, dabei sind das noch die interessanteren Begegnungen, immerhin möchten sie etwas von mir wissen (auch wenn es nur mein Kontostand ist). Das ist nämlich nicht die Regel. Ich weiß nicht, ob das anderen Frauen auch so geht, aber bei mir läuft das Kennenlernen häufig so ab, dass ich die Rolle der Moderatorin übernehmen muss, deren Aufgabe es ist, den Gast über sein Leben, seinen Beruf, seine Interessen und den Namen seiner Geschwister zu interviewen.

Mittlerweile höre ich in solchen Situationen aber ungefähr nach der vierten Frage ohne Gegenfrage damit auf und genieße die einsetzende Stille. Ich hatte diesen Sommer ein Date, bei dem genau das passierte und er nach ein paar Minuten des sich gegenseitigen Anschweigens dann doch irgendwann auf die Frage kam, was ich denn eigentlich so mache. Als ich ihm sagte, dass ich Kolumnen schreibe, wurde er aber wieder munter. Denn wie der Zufall es wollte, hatte er auch mal eine Kolumne geschrieben. Vor zehn Jahren. Und zwar in einem ungarischen Satiremagazin, dessen Namen an einen ebenfalls ungarischen Film angelehnt war, dessen Inhalt er mir nun in Echtzeit nacherzählte. Das schien ihm interessanter zu sein als alles, was ich noch über mich hätte erzählen können.

Dabei sagte ich schon extra nicht, dass ich Bücher schreibe, denn dann passiert immer Folgendes: Mein Gegenüber erzählt mir sofort im Anschluss von seinem Buch und zwar in allen Einzelheiten, fast so als würde er es mir vorlesen. Und mit „Buch“ ist in der Regel der unfertige Roman gemeint, an dem er seit vier Jahren arbeitet.

Ich höre mir das in der Regel geduldig an und stelle ihm dann am Ende die alles entscheidende Frage: „Meinst du, du wirst davon leben können?“.

Die Welt ist schon kompliziert genug

Mein zehntes Buch ist erschienen und es ist eines, über das ich mich besonders freue. Seit Februar 2014 entwerfe ich für DIE ZEIT Infografiken zum aktuellen Politikgeschehen, die nicht nur wahr, sondern super wahr sind. Sie sinCover Torted so wahr, dass ich immer wieder Mails und Anrufe von Menschen bekomme, die meine Datengrundlage wissen wollen.

Dabei handelt es sich natürlich um ausgedachte Zahlen und gefühlte Statistiken, aber die Vergangenheit zeigt ja, dass Bild3politische Bücher mit ebendiesen hier in Deutschland außerordentlich gut ankommen.

Und meine Wahrheiten sind nicht einmal unbequem! Sie sind sehr komfortabel, rückenfreundlich und magensäurereduzierend.

Ich verlose hier drei Exemplare „Torten der Wahrheit: Die Welt ist kompliziert genug!“ unter allen, die mir bis Montag, dBild2en 22. August 2016, in den Kommentaren ihre allerbequemste Wahrheit verraten.

Update:

Danke für eure lustigen Wahrheiten, ich habe den Zufallsgenerator befragt und der hat Mareike, drikkes und DaniBärlin als Gewinner*innen auserkoren.

Bild1

 

 

Was ich im Urlaub gelernt habe

  • Großbritannien besteht zu 93 % aus Teppichboden. Der Rest sind Filialen vSchottlandon Starbucks, Caffè Nero und Costa Coffee.
  • Ich weiß auch nach zwei Wochen Linksverkehr nicht, aus welcher Richtung jetzt die Autos kommen.
  • Es gibt noch Bubble Tea in Großbritannien.
  • Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem man immer die Nüchternste ist, dann sind es englische Damentoiletten.
  • In England gibt es freundliche Busfahrer. Verrückt.
  • Wenn in Großbritannien über Gefühle geredet wird, handelt es sich entweder um einen Popsong oder einen Film mit Hugh Grant.
  • Wie toll der britische Humor ist. Zum Beispiel wenn ich bei der Einreise gefragt werde, ob ich zum Partymachen nach MancLakeDistricthester gekommen sei. Aus Berlin.
  • Oder wenn man sieht, dass es Campingplätze in Schottland gibt.
  • Es ist immer beer o’clock.
  • Englische Züge sind ein guter Ort, um mal in sich zu gehen und zu überlegen, wie toll die Deutsche Bahn doch eigentlich ist.
  • Ein Street Food Market voller Engländer muss nicht zwangsläufig in Kreuzberg sein.
  • Und nur weil August ist, muss ja nicht gleich Sommer sein.
  • Penistone in Yorkshire wird anders ausgesprochen.
  • Man darf die Preise nie in Euro umrechnen.
  • Wirklich nicht.
  • Ernsthaft.

Gefühltes Deutschland

Nach drei Bieren erzähle ich gerne die Geschichte, wie ich mal 24 Stunden lang in Gelsenkirchen immatrikuliert war. Ich hatte beschlossen, nach dem Grundstudium das Fach zu wechseln und bekam einen Studienplatz in Gelsenkirchen. Ich bin in West-Berlin aufgewachsen und bis auf Schleswig-Holstein, wo wir ein Ferienhaus hatten, kannte ich den Rest Deutschlands nur vom Hörensagen.

Mein damaliger Freund und ich fuhren früh morgens ins Ruhrgebiet, ich immatrikulierte mich und ging dann auf Wohnungssuche. Weil ich nicht viel Zeit hatte, rief ich eine Maklerin an, deren Nummer ich aus der Zeitung hatte. Damals gab es noch keine Smartphones oder mobiles Internet. Wir mussten wirklich noch mit gesprochener Sprache kommunizieren, man kann es sich gar nicht mehr vorstellen.

Die Maklerin bot mir eine Wohnung in der Altstadt für wirklich wenig Geld an und ich sah mich schon mit Schalke-Schal in einer süßen Altbauwohnung im Ortszentrum sitzen. Ich hatte wirklich keine Ahnung von Gelsenkirchen.

An dem Tag wurde mir klar, dass ich noch sehr viel über Deutschland lernen muss. Aber vorher exmatrikulierte ich mich in Gelsenkirchen und zog nach Erfurt. Da blieb ich dann auch nur sechs Wochen, aber das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile ist aus meinem Unwissen über Deutschland ein gesundes Halbwissen geworden und daraus jetzt auch ein Buch.

Ich verlose drei Exemplare unter den Leserinnen und Lesern, die mir bis Montag, den 13.4.2015, in den Kommentaren schreiben, warum ich Gelsenkirchen doch eine Chance hätte geben sollen.

Update:

Ich hatte ja schon mal davon gehört, dass das Internet super sein kann, aber ich war dann doch überrascht, was für tolle Antworten ich auf meine Frage bekommen habe.

Ihr seid wahnsinnig lustig, ihr solltet Humorbücher schreiben! Jedenfalls konnte ich mich nicht für die drei besten entscheiden und habe am Ende den Zufallsgenerator entscheiden lassen. Jeweils ein Buch bekommen ActionJens, bersarin und Esther. Danke! <3

Titel1 2 3 4

Baby, it’s bad out there

Der Berliner Winter kommt zwei-, dreimal im Jahr und dauert ungefähr acht bis neun Monate. In der restlichen Zeit sitzen alle Berlinerinnen und Berliner zwanghaft draußen vor Cafès, trinken Latte Macchiato Third Wave Coffee ohne Milch und erzählen sich Schauermärchen aus vergangenen Wintertagen als die Stadt nach Kohleöfen roch und man statt Street Food noch Currywürste essen musste. Bei diesen Geschichten weiß man nie genau, ob sie 1952 oder 2007 spielen.

Die sibirische Außenstelle zwischen Spandau und Erkner ist im Winter wirklich nichts für schwache Gemüter. Es ist ein bisschen wie Game of Thrones, nur ohne Sex und mit rücksichtsloseren Menschen. Wer überleben will, braucht eine Strategie und da ich mittlerweile 236 Berliner Winter hinter mich gebracht habe, teile ich gerne meine besten Tipps.

  1. Nicht vor die Tür gehen

Zugegeben, das fällt Arbeitslosen und Freiberuflern leichter als Angestellten, aber nachdem der erste Schnee gefallen ist, nicht weggeräumt, sondern platt und glatt getreten wurde, bekommt man eine viermonatige Krankschreibung relativ leicht, indem man einfach doch kurz vor die Tür geht.

  1. Sich richtig anziehen

Wenn Nr. 1 nicht funktioniert, weil man Mammuts jagen Lebensmittel einkaufen gehen muss, greift Nr. 2 und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Das hat zur Folge, dass wir Berlinerinnen und Berliner zwar scheiße aussehen, aber immerhin erfrieren wir nicht. Jeden Februar werden zahlreiche Wohnungen gut gekleideter Engländer, Spanier, Italiener und US-Amerikaner frei, die es nicht geschafft haben. Nach vier Monaten im dunklen Berlin hat sich die Sehfähigkeit sowieso weitgehend zurückentwickelt und man orientiert sich größtenteils durch Echoortung. Dann stört sich auch keiner mehr an dem sharkeyDaunenschlafsack, den man am besten ganztägig trägt.

  1. Alkohol trinken

Hahaha. Ok. Ja klar, machen wir eh. Aber jetzt halt noch mehr.

  1. Urlaub planen

Einer der meist gesagten Sätze im Februar lautet: „Nächstes Jahr bleiben wir aber nicht den Winter über hier, sondern fahren nach Asien.“. Das macht man nie, aber im darauffolgenden Dezember kann man sich zumindest noch ein wenig an seiner Scham über die eigene Inkonsequenz wärmen.

  1. Auf dem Boden liegen und so lange wimmern, bis der Frühling kommt

Meine Lieblingsstrategie. Klappt relativ zuverlässig.

Der Berliner U-Bahnplan

U1: Die Klassikerin

Berlin kann sich verändern, wie es will, eines bleibt: In der U1 ist niemand nüchtern, so will es die Fahrgastordnung. Die Punks wurden mittlerweile durch Expats ersetzt, aber der Drogenumsatz blieb konstant. Hier ist Kreuzberg am schönsten.

U2: Die Zumutung

Eigentlich müsste man Geld bekommen, um mit der U2 zu fahren. Sie ist eng, rumpelig und so langsam, dass man von Pankow schneller nach Ruhleben gelaufen ist. Rückwärts.
Wer einmal mit der U2 nach einem Heimspiel der Hertha gefahren ist, hat offiziell ein Anrecht auf Frühpensionierung.

U3: Der Uni-Express

Inhalt: 100 % Student/innen auf dem Weg zur FU. Niemand, der in Zehlendorf wohnt, fährt U-Bahn nicht mal zum Tennisplatz.

U4: Die Überflüssige

Dank der Kanzlerbahn U55 ist sie nicht mehr die sinnloseste U-Bahnstrecke der Stadt. Trotzdem: Die meisten Leute fahren sie nur, um bei stockenden Partysmalltalks erzählen zu können, dass sie ja mal mit der U4 gefahren sind.

U5: Der DeLorean

Mit der U5 kann man schnurstracks zurück in die DDR fahren. Sie ist die Trabi-Safari auf Schienen. Nur der Streckenabschnitt durch Friedrichshain lässt erahnen, dass es irgendwann mal den Mauerfall gegeben haben muss.

U6: Der Diepgen

In der U6 regiert noch Diepgen, sie ist sozusagen das Westpendant zur U5. Nicht ohne Grund heißen die Endhaltestellen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf, neu ist hier nur das kurze Mittelstück durchs Zentrum. Das konservierte West-Berlin fährt mit der U6 in Gegenden, die in keinem Lonely Planet zu finden sind. Wer sich für unironische Damenoberbekleidung der 80er Jahre interessiert, sollte sich vom Tegeler See auf den Weg in den tiefsten Süden machen.

U7: Der Schliemann

Im Zuge der Aufwertung Neuköllns wurde die U7 wiederentdeckt, die jahrelang unbemerkt ein Wilmersdorfer Nischendasein fristete. Das Spandauer Ende der U7 gilt bislang als unerforscht, Stationen wie „Haselhorst“ oder „Paulsternstraße“ sind das Atlantis Berlins. Mythische Orte, an deren Existenz aber niemand wirklich glaubt.

U8: Der Club20140803_141654

Berlins Nachtleben spielt sich zu 87 % in der U8 ab. Tagsüber gilt die U8 unter Psycholog/innen weltweit sozusagen als Urmeter der depressiven Verstimmung. Sie ist wie eine Gruppentherapie auf Rädern, eine Flasche Bier gilt als gültiger Fahrschein. Nachts dagegen blüht die U8 auf und wird zum größten Hipsterballungszentrum der Bundesrepublik. Es ist nur der gnadenlosen Geschäftsuntüchtigkeit Berlins zu verdanken, dass hier niemand Getränke verkauft oder Musik auflegt. Die Ticketpreise könnte man dadurch verfünffachen.

U9: Die Grande Dame

Wer es sich leisten kann, fährt U9. Natürlich erst ab Zoologischer Garten südwärts, der nördliche Streckenabschnitt durch Wedding und Moabit ist quasi die Charitygala dieser Linie. Die U9 ist die komfortabelste U-Bahn. Hier ist niemand betrunken, Hunde gibt es hier nur im Handtaschenformat und einige Fahrgäste haben angeblich sogar richtige Jobs.

Die Wahrheit über Gesundbrunnen

Seit Oktober letzten Jahres wohne ich im Wedding. Seit Ende Dezember weiß ich, dass ich gar nicht im Wedding wohne, sondern in Gesundbrunnen. Mir war überhaupt nicht bewusst, dass es seit der Bezirksreform einen eigenständigen Ortsteil namens Gesundbrunnen gibt, der mit Wedding gar nichts mehr zu tun hat. Aber das ist ja auch erst seit 2001 so, ich konnte es als Berlinerin also gar nicht wissen. Mit Veränderungen haben wir es ja nicht so. Deshalb haben wir auch seit ungefähr 1874 denselben Bürgermeister, dessen einzige nennenswerte Leistung darin besteht, unseren Flughafen Tegel zu erhalten.*

Als mir dann durch Zufall plus Wikipedia klar wurde, dass ich überhaupt nicht im Wedding, sondern in Gesundbrunnen wohne, war es zu spät. Ich hatte schon allen Freundinnen und Freunden gesagt, dass ich im Wedding wohne, nun wollte ich ihnen eine erneute Veränderung nicht zumuten.

Außerdem kennt auch überhaupt niemand Gesundbrunnen. Nicht mal Anwohner. Alle blieben von der Bezirksreform völlig unbeeindruckt im Wedding wohnen.

Weil ich aber als Berlinerin natürlich sofort einen Kiezpatriotismus entwickelt habe, ist es nun an der Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken.

Wikipe20131019_174005dia weiß über Gesundbrunnen, dass er fast 90.000 Einwohner hat, davon knapp 60 % mit Migrationshintergrund, einen Umsteigebahnhof und einen sicheren hinteren Platz im Berliner Sozialatlas, dass es früher eine Heilquelle gab, dass Harald Juhnke hier aufwuchs und dass Hertha BSC hier ihren ersten festen Platz hatte. Der Ortsteil gehört zum Bezirk Mitte, grenzt an Prenzlauer Berg, Reinickendorf und Pankow. Zu Gesundbrunnen gehören u. a. das Brunnenviertel, der Soldiner Kiez, der Humboldthain und das Gebiet um die Reinickendorfer Straße.

Was man sonst über Gesundbrunnen liest, stammt meistens vom Polizeiticker. Seitdem ich hier wohne, habe ich bereits dreimal bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen Nachbarhäuser stürmen sehen. Ich fühle mich aber eigentlich immer sehr sicher, zumal vor meinem Haus ständig die Drogenfahndung steht, die das Studentenwohnheim gegenüber beobachtet.

Und man muss ja auch versuchen, dem etwas Positives abzugewinnen: Dafür habe ich in Gesundbrunnen noch nie eine Fahrradkontrolle erlebt. Keine Polizeistreife wird dich hier anhalten, weil du nicht genug Reflektoren am Fahrrad hast. Außerdem gibt es sowieso kaum Radfahrer. Radfahren auf der Prinzenallee oder auf der Badstraße ist in etwa so sicher und so spaßig, wie eine laufende Kettensäge zu umarmen. Die großzügig angelegten Radwege wurden von den Gesundbrunnerern kurzerhand zu Parkstreifen umfunktioniert. Dadurch kann man jetzt in der dritten Spur parken, womit vielen Einwohnern ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist.

Gesundbrunnen hat drei Naherholungsgebiete: Die Panke, den Volkspark Humboldthain und das Gesundbrunnencenter.

Ich weiß nicht, ob das allen schon aufgefallen ist. Das Gesundbrunnencenter sieht aus wie ein riesiges Passagierschiff. Ich stelle mir manchmal vor, wie wir uns dort bei der nächsten Sintflut paarweise einfinden, um die Zeit bis nach dem Regen bei nanu nana zu vertrödeln.

Wobei man als Anwohnerin gar keine Sintflut braucht, um im Gesundbrunnencenterschiff die Zeit zu vertrödeln.

Die zwei größten und wichtigsten Geschäfte im Gesundbrunnencenter sind Saturn und real. Dort hält sich immer ungefähr ein Drittel der fast 90.000 Einwohner auf. Davon die meisten bei Saturn in der Handyabteilung. Dort ballt es sich, als gäbe es in Gesundbrunnen nicht noch 5.000 andere Handygeschäfte. Während ich mein altes, dauernd abstürzendes Smartphone so lange behalte, bis es endgültig kaputt geht, nur um mich nicht über neue Handys informieren zu müssen, ist genau das hier Volkssport. Alle gucken sich neue Handys an. Ständig. Vermutlich sollte ich mich über ein neues Gerät gar nicht im Internet oder bei Verkäufern informieren, sondern einfach in die Handyabteilungsbesuchermasse hineinrufen, welches sie mir denn empfehlen und diesem Rat blind vertrauen.

Weitere Hauptattraktion im Saturn sind die Massagesessel. Im Obergeschoss des Gesundbrunnencenters stehen auch noch welche, aber da muss man Geld reinstecken, um sie zu benutzen. Bei Saturn kann man sie kostenlos ausprobieren. Jedes Mal, wenn ich im Saturn bin, sitzt dort eine komplette Familie auf den Sesseln und lässt sich massieren. Als ich das zum ersten Mal sah, weckte das in mir ca. 32 verschiedene Gefühle. Einerseits ist das natürlich wahnsinnig komisch, andererseits aber auch rührend und vor allem auch ein bisschen traurig, weil man sich ja durchaus schönere Familienausflüge als zu den Saturnmassagesesseln vorstellen könnte – allerdings kosten die meisten davon eben auch Geld und in Berlin ist es wie bei Monopoly: Die Badstraße hat den geringsten Wert.

Nach Saturn geht man zu real. Dort kann man alles kaufen: Fernseher, Wasserkocher, Werkzeug, Turnschuhe, Lebensmittel und natürlich auch Handys. Es ist wie ein Einkaufszentrum im Einkaufszentrum. Was sofort auffällt: An den Regalen stehen die Sortimentsbezeichnungen auf Deutsch und auf Türkisch.

In Prenzlauer Berg sind die Kindergärten zweisprachig, in Gesundbrunnen die Supermärkte. Das ist eine geniale Form der Erwachsenenbildung. Ich muss nur noch ein paar Mal einkaufen gehen, um bei meiner nächsten Türkeireise sicher und fehlerfrei Knabbergebäck, Schokoriegel und Handstaubsauger bestellen zu können.

Eigentlich müsste real aber noch einen Schritt weitergehen und die Regale auch auf Arabisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Hausa, Bambara, Amharisch, Chinesisch, Kisuaheli, Urdu, Polnisch und Russisch beschriften. Gesundbrunnen ist ja noch deutlich heterogener.

Denn während es nebenan im Wedding schon Urban Gardening, amerikanische Micro Breweries, Cupcakeläden und Longboardshops gibt, hat die Gentrifizierung Gesundbrunnen wenn überhaupt, dann bislang nur in homöopathischer Dosierung ergriffen. Es gibt lediglich eine Handvoll netter Bars und Restaurants. Das war’s.

Zwar gehören nicht mehr alle Vollbärte auf der Badstraße zu alten Männern und nicht mehr alle Jutebeutel sind nur für den Transport von Lidl-Cola gedacht. Aber das ist okay. In Gesundbrunnen sind eh alle scheiße angezogen, da fallen ein paar Hipster und ein paar Künstler auch nicht weiter auf. Noch heißt es hier jedenfalls deutlich häufiger çok güzel als nice.

Zugegeben, Gesundbrunnens Charme erschließt sich einem nicht auf Anhieb. Mit ihm verhält es sich so ein bisschen wie mit der Schinkelkirche am U-Bahnhof Pankstraße, die von Dönerläden, Matratzenoutlets und 1-€-Shops umzingelt wird: Sie fällt nicht sofort auf, aber wenn man sie sucht, findet man sie schnell.

Die hässliche 70erjahre-Architektur des Brunnenviertels garantiert die Durchmischung des Ortsteils bestimmt noch ein paar weitere Jahre. Und das ist auch gut. Nicht nur, weil wir Berlinerinnen und Berliner es nicht so mit Veränderungen haben, sondern vor allem, weil die Heterogenität den Gesundbrunnen so attraktiv macht und wenn wir mal von den paar Wohnungseinbrüchen und Überfällen absehen, läuft das Zusammenleben eigentlich viel harmonischer als uns der Polizeiticker weismachen möchte.

* Schönefeld wird nur nicht fertig, weil wir das nicht wollen und nicht, weil wir das nicht können.

10 Gründe, warum Feminismus so toll ist

  • Mehr Abwechslung in allen Lebensbereichen – und das ganz ohne Drogen.20120611_200513
  • Keine Frau ist mehr gezwungen, Spiegel-Online-Kommentatoren zu heiraten.
  • Weil er euch liebt.
  • Männer müssen sich nicht mehr zwangsläufig nur mit Einparken, Waffen und Jagd beschäftigen, sondern dürfen endlich auch mal ein gutes Buch lesen.
  • Besserer Sex für alle!
  • Mit dem generischen Femininum ist die erforderliche Mindestzeichenanzahl bei Hausarbeiten und Motivationsschreiben viel schneller erreicht.
  • Über Machtverhältnisse und Privilegien nachdenken ist Gehirnjogging ohne das bescheuerte Sudoku.
  • Es ist für uns alle besser, wenn ich nicht in der Küche stehe.
  • Genitalien entscheiden nicht mehr zwangsläufig über Lebenswege, wofür sie definitiv immer unterqualifiziert waren.
  • Mehr Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung für 3,6 Milliarden Menschen.  Wenn nicht sogar für 7,2 Milliarden.

Katzen im Winter. Eine Gebrauchsanweisung.

Wenn die letzten Blätter von den Bäumen gefallen sind und die Abende kalt und dunkel 20130323_121616werden, beginnt die Zeit der Besinnlichkeit. Kerzen werden angezündet, man zieht sich mit einem guten Buch  und einem noch besseren Rotwein auf den Sessel zurück.

Die Stille, die einkehrt, wird nur von dem Gluckern der Heizung oder vom Rascheln der kahlen Äste im Wind unterbrochen. Es ist die Zeit der Ruhe und der Einkehr.

Es sei denn, man hat Katzen.

Weiterlesen…

Woran du erkennst, dass du eine echte Berlinerin bist

  • Du bist schon mal mit der U7 gefahren.
  • Aber nur zu IKEA.
  • Du weißt, welches Arbeitsamt für dich zuständig ist.
  • Du hast den Fernsehturm noch nie Alex genannt.
  • Du kennst in Brandenburg zwei Orte mehr als nur den Liepnitzsee.
  • Du verstehst nicht genau den Unterschied zwischen Hessen und P1030168Niedersachsen, immerhin ist beides Westdeutschland.
  • Du trägst deine 80er-Jahre-Klamotten unironisch.
  • ES GIBT KEIN KREUZKÖLLN!
  • BVG-Fahrer finden dich unfreundlich.
  • Du hasst Schwaben. Bis auf deine Eltern, die sind ganz ok.

Weitere Berlinerklärungen von mir findet man gerade im neuen BerlinBuch der Zitty.