Der Berliner U-Bahnplan

U1: Die Klassikerin

Berlin kann sich verändern, wie es will, eines bleibt: In der U1 ist niemand nüchtern, so will es die Fahrgastordnung. Die Punks wurden mittlerweile durch Expats ersetzt, aber der Drogenumsatz blieb konstant. Hier ist Kreuzberg am schönsten.

U2: Die Zumutung

Eigentlich müsste man Geld bekommen, um mit der U2 zu fahren. Sie ist eng, rumpelig und so langsam, dass man von Pankow schneller nach Ruhleben gelaufen ist. Rückwärts.
Wer einmal mit der U2 nach einem Heimspiel der Hertha gefahren ist, hat offiziell ein Anrecht auf Frühpensionierung.

U3: Der Uni-Express

Inhalt: 100 % Student/innen auf dem Weg zur FU. Niemand, der in Zehlendorf wohnt, fährt U-Bahn nicht mal zum Tennisplatz.

U4: Die Überflüssige

Dank der Kanzlerbahn U55 ist sie nicht mehr die sinnloseste U-Bahnstrecke der Stadt. Trotzdem: Die meisten Leute fahren sie nur, um bei stockenden Partysmalltalks erzählen zu können, dass sie ja mal mit der U4 gefahren sind.

U5: Der DeLorean

Mit der U5 kann man schnurstracks zurück in die DDR fahren. Sie ist die Trabi-Safari auf Schienen. Nur der Streckenabschnitt durch Friedrichshain lässt erahnen, dass es irgendwann mal den Mauerfall gegeben haben muss.

U6: Der Diepgen

In der U6 regiert noch Diepgen, sie ist sozusagen das Westpendant zur U5. Nicht ohne Grund heißen die Endhaltestellen Alt-Tegel und Alt-Mariendorf, neu ist hier nur das kurze Mittelstück durchs Zentrum. Das konservierte West-Berlin fährt mit der U6 in Gegenden, die in keinem Lonely Planet zu finden sind. Wer sich für unironische Damenoberbekleidung der 80er Jahre interessiert, sollte sich vom Tegeler See auf den Weg in den tiefsten Süden machen.

U7: Der Schliemann

Im Zuge der Aufwertung Neuköllns wurde die U7 wiederentdeckt, die jahrelang unbemerkt ein Wilmersdorfer Nischendasein fristete. Das Spandauer Ende der U7 gilt bislang als unerforscht, Stationen wie “Haselhorst” oder “Paulsternstraße” sind das Atlantis Berlins. Mythische Orte, an deren Existenz aber niemand wirklich glaubt.

U8: Der Club20140803_141654

Berlins Nachtleben spielt sich zu 87 % in der U8 ab. Tagsüber gilt die U8 unter Psycholog/innen weltweit sozusagen als Urmeter der depressiven Verstimmung. Sie ist wie eine Gruppentherapie auf Rädern, eine Flasche Bier gilt als gültiger Fahrschein. Nachts dagegen blüht die U8 auf und wird zum größten Hipsterballungszentrum der Bundesrepublik. Es ist nur der gnadenlosen Geschäftsuntüchtigkeit Berlins zu verdanken, dass hier niemand Getränke verkauft oder Musik auflegt. Die Ticketpreise könnte man dadurch verfünffachen.

U9: Die Grande Dame

Wer es sich leisten kann, fährt U9. Natürlich erst ab Zoologischer Garten südwärts, der nördliche Streckenabschnitt durch Wedding und Moabit ist quasi die Charitygala dieser Linie. Die U9 ist die komfortabelste U-Bahn. Hier ist niemand betrunken, Hunde gibt es hier nur im Handtaschenformat und einige Fahrgäste haben angeblich sogar richtige Jobs.