„Kann nur jedem abraten!“

Durch das Internet werde ich langsam, aber sicher zur Konsumverweigerin. Allerdings nicht etwa, weil mir erst durch Links auf Twitter klar geworden wäre, dass Nestlé das Palmöl gar nicht aus nachhaltiger Forstwirtschaft in der Südschweiz bezieht und Schlecker seine Kundschaft doch nicht für so akademisch-feinsinnig hält, wie es die ästhetische Filialgestaltung vermuten ließe. Nein, moralisch-ethische Konsumbedenken konnten auch vor der flächendeckenden Internetverbreitung durch ausreichendes Informationsmaterial gefüttert werden. Was mich verstärkt vom Geldausgeben abhält, sind die Rezensionen, Kritiken und Testberichte, die es zu jedem Produkt in millionenfacher Ausführung gibt.

Die Suche nach einem Hotelzimmer etwa ist nicht mehr möglich, ohne dass man vor der Buchung an den Erfahrungsberichten anderer Touristen über dieses Hotel vorbeikommt. Selbst wenn man die einzelnen Kritiken nicht liest, wird einem überall die Gesamtbewertung in Form von Sternen, Smileys, Sonnen oder Punkten angezeigt. Wenn das gewünschte Hotel, das so zentral liegt, eine so nette Terasse hat und sogar über freies WLAN verfügt, dann aber leider von den Usern nur mit drei von vier Sternen bewertet wurde, kann man es unmöglich buchen. Man ist ja immerhin nur noch eine Sucheingabe davon entfernt, ein Vier-Usersterne-Hotel zu finden. Eines, das außerdem noch ein Jacuzzi auf der netten Terasse hat und dabei weniger kostet.

Ehe man sich versieht, ist es Mitternacht und die einzigen Vier-Usersterne-Hotels, die man gefunden hat, berufen sich auf eine einzige Kundenbewertung, die in verdächtig schlechtem Deutsch verfasst wurde. Das liegt nicht daran, dass alle Hotels dreckig und verkommen sind, sondern dass es unmöglich ist, es allen Internetnutzern recht zu machen. Im besten Fall bucht man schließlich doch ein Zimmer im ersten Hotel und verdrängt bis zum Urlaub erfolgreich, dass eine Userin Staub in der unteren Nachttischschublade gefunden hat und einem anderen User die Früstücksbrötchen zu trocken waren. Im schlechtesten Falle sucht man so lange weiter, bis alle Hotels ausgebucht sind und man auf Amazon Zeltbewertungen lesen muss.

Schon seit einiger Zeit suche ich ein Androidsmartphone. Dafür lese ich redaktionelle Testberichte auf einschlägigen Seiten, die zwar mein Technikverständnis überfordern, mir aber das Gefühl vermitteln, für eine Kaufentscheidung ausreichend informiert zu sein. Sobald ich eine gefällt habe, muss ich jedoch dieses Ein-Mann-(leider viel zu selten eine Frau)-Eine-Meinung-Umfeld verlassen und auf Onlineshops gehen, die dieses Produkt wieder von den Usern bewerten lassen. Meine Kaufentscheidung zerbröselt schneller als ein Hobbykritiker „Kann ich nur von abraten!“ tippen kann. Auch wenn zu vermuten bleibt, dass JEDES Smartphone besser wäre als mein kaputtes altes Sony-Ericsson-Handy, kann ich mich nicht zu einem Kauf eines Produktes durchringen, dass von einem User als Ramsch bezeichnet wird, weil es keine Kopfhörer im Lieferumfang enthält.

Mein einziger Versuch, diesem Dilemma zu entgehen, scheiterte umfassend. Der Rechner, den ich mir vor eineinhalb Jahren kaufte, ohne vorher auch nur eine Onlinebewertung darüber gelesen zu haben, ist das qualitativ schlechteste Produkt des Jahrhunderts. Der Kundendiensttresen meines Elektronikhändlers ist seitdem mein Stammtisch.

Mir bleibt also keine andere Wahl, als mich von der Meinung der Massen von dem Kauf diverser Produkte abhalten zu lassen und das dadurch gesparte Geld in Weißwein und Katzenfutter zu investieren. Sollte ich je zufällig auf eine Grundnahrungsmittelbewertungsseite stolpern, wäre ich geliefert.