Museumsführung

Berlin ist keinesfalls arm an Museen, aber seit der MoMA-Ausstellung 2004 ist es eigentlich kaum noch möglich, eines davon zu besuchen. Warteschlangen haben sich damals als wichtigster Indikator künstlerischer Relevanz etabliert und begeistern nun Besucher, Aussteller und Medien gleichermaßen. Wer sich beispielsweise die „Gesichter der Renaissance“ im Bode-Museum ansehen wollte, musste zunächst seinen gesamten Jahresurlaub nehmen und sich dann irgendwo hinter Prenzlau ans Ende der Wartenden einreihen.

Mein Wochenende in Paris nutzte ich daher,
um mir mit K.  im Louvre alte Kunst anzusehen, die damals erstaunlicherweise noch völlig ohne Beamer, aufgeschnittene Tiere, Nylonstrümpfe und Lautsprecher auskam.

Man geht von der Metrostation durch eine unterirdische Ladenpassage direkt in den Eingangsbereich unter der Glaspyramide. Vorher muss man seine Tasche durch ein Röntgengerät schicken, wobei mir nicht klar wurde, wonach dabei gesucht wird. Meine Coladose, die ich dem französischen Sicherheitsbeamten pflicht- und schuldbewusst zeigte, wurde zum Beispiel anstandslos durchgewunken. Vor Phosphorsäureanschlägen auf Kunstwerke scheint man sich hier jedenfalls nicht zu fürchten. Auch Feuerzeuge, Stifte und ähnlich potenziell Bildergefährdendes sind kein Problem. Der Versuch mit Panzerfäusten steht allerdings noch aus.

Am warteschlangenfreien Eingang muss man sich dann entscheiden, in welchen der drei Gebäudeteile man zuerst gehen möchte. Der Louvre hat eine Größe, die ungefähr der des Saarlandes entspricht – jedenfalls dem Saarland in meiner Vorstellung. Als Erstbesucherin habe ich den Denon-Flügel gewählt, in dem die Mona Lisa lächelt. Auf dem Weg zu ihr durchquert man die Skulpturenabteilung mit ihrem Heer an Cäsaren, Göttinnen und Göttern. Ihre Körper sind so schlank und durchtrainiert, dass sie heute als falsche role models verachtet und zur Strafe auf die Cover sämtlicher Modemagazine verbannt würden.

Ein Stockwerk höher kommen die Gemälde. Aus Angst, beim genaueren Betrachten der Tizians, Raffaels und Tintorettos bis zum Schließen des Museums nicht weiter als bis zum 3. Raum zu kommen, stürme ich mir die Augen zuhaltend in den 6. Raum zu La Joconde. Ungefähr hundert Menschen sammeln sich vor da Vincis Gemälde und lächeln zurück. Oder sie lächeln vielmehr über das Schild vor dem Bild, das Fotografieren mit Blitzlicht verbietet.  Einige lächeln auch, weil sie sich hinter die Absperrung drängen und sich direkt vor dem Bild mit Mona Lisa fotografieren lassen, natürlich mit Blitzlicht.

Ich hege die Hoffnung, dass sämtliche Bilder im Louvre Fälschungen sind und die Pariser daher so entspannt im Umgang mit Coladosen im Museum sind. Als Witz stellen sie dann eine 1,50 m große Wächterin neben das bekannteste Gemälde der Welt, die nicht mal bei gezückten Panzerfäusten Interesse an ihrem Job simulieren würde.


Es ist mittlerweile gegen 12 Uhr und
der Denon-Flügel beginnt sich zu füllen.
Wir laufen zurück zum Eingang und bleiben nur vor den bekanntesten Werken stehen, die durch eine fotografierende Menschentraube leicht zu erkennen sind.

Schließlich verlassen wir die alten Italiener für die alten Niederländer und Deutschen. Im Richelieu-Flügel sind wir entre nous, hier sieht man weder russische noch japanische Besuchergruppen. Nur einige wenige Museumswächter stehen am Fenster und quatschen. Vermutlich sind die anderen im Keller und malen gestohlene oder durch Cola ruinierte Renoirfälschungen nach.

Es ist wie auf einer Oscar-Verleihung, bei der man an Matt Damon, Sandra Bullock und Kevin Spacey vorbeigeht, ohne sie zu erkennen, weil so viele von denen rumstehen und man eigentlich auf der Suche nach Jude Law ist. Jedenfalls übersehe ich auf der Suche nach Jan Vermeer einige van Dycks und van Eycks, kehre um, weil ich auch den Dürer übersehen habe, nur um dann festzustellen, dass „Die Spitzenklöpplerin“ zurzeit verliehen ist.

Dafür entdecke ich andere Raritäten, wie etwa
das Kind, das krassere Augenringe hat als ich.

Hinter dem Rembrandtraum kapitulieren wir. Wir suchen nach dem grünen Bild, das uns die Richtung des Ausgangs weist und verlassen den Louvre über die hässliche Glaspyramide. Ab hier muss man nur noch 536 Eiffelturmsouvenirverkäufer abwimmeln, um ein Café zu finden, in dem man sich hinsetzen und ausruhen kann.
Der nächste Jahresurlaub wird eingereicht, um den Louvre vollständig zu besichtigen.

Meine Fotos sind übrigens deshalb so unscharf, weil ich als einzige Besucherin kein Blitzlicht verwendet habe. Meine Fälschungstheorie haben mir nämlich noch nicht ausreichend viele allwissende Topcheckerblogger bestätigen können.