Die Wahrheit über Berlin

Es ist an der Zeit, mit ein paar Hauptstadtmythen aufzuräumen, die viel zu viel Platz in Zeitungen und Onlineportalen einnehmen. Platz, der mit Bildern schlafender Goldhamster sinnvoller gefüllt wäre.

1. Der Schwabenhass

Mein Freundes- und Bekanntenkreis besteht zu einem großen Teil aus Schwaben, auch wenn sie steif und fest behaupten, aus „Hessen“ zu stammen.

Sie wohnen zum Teil schon seit vielen Jahren in Berlin, ohne dass jemals ein Mob wütender Lichtenberger oder Reinickendorfer mit Fackeln und Mistgabeln vor ihrer Wohnungstür gestanden hätte. Dennoch skizzieren Medien unermüdlich ein düsteres Bedrohungsszenario für meine Mitbürger(innen) mit Ländlehintergrund. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Müssen einfach Zeitungsseiten gefüllt werden? Gibt es gerade keine Eisbärenbabygeburt im Zoo? Oder will man überspielen, dass man es nicht zu Kriegs-, sondern nur zu Kiezreportern geschafft hat?

Wie auch immer: Der ominöse Schwabenhass ist ein klassisches Sommerlochthema. Die größte Gefahr für einen Baden-Württemberger in Prenzlauer Berg sind die Straßenbahnschienen in Verbindung mit einem Vintage-Rennrad. In Mitte und Kreuzberg hasst niemand Schwaben, weil Franzosen und Italiener gar nicht wissen, was das ist und in den anderen Bezirken ist es den allermeisten Menschen herzlich egal, woher man kommt, solange man ihnen nicht auf den Keks geht.

2. Die Kampfradler

Glaubt man den Medien, herrscht auf Berlins Straßen Krieg. Die Warlords sind Radfahrerinnen und Radfahrer – „Kampfradler“, wie man sie im Medienjargon nennt. Kampfradler sind blitzschnelle Angriffstruppen, die alte Menschen, Eltern mit Kindern und alle anderen Verkehrsteilnehmer bedrohen.

Die Wahrheit sieht so aus: Wenn man als Radfahrerin in Berlin kämpft, dann um sein Leben. Man steht so weit unten in der Nahrungskette, dass Fruchtfliegen Solimärsche für einen organisieren.

Waren es früher vor allem die Taxis, LKW und die zweite-Reihe-Parker, die Radfahrern ans Leder wollten, gibt es seit kurzem eine neue Form der Bedrohung: Car Sharing mit Kleinwagen. An diesem Punkt stelle sich bitte jede(r) ein Rudel Smartfahrer vor, deren Fahrt pro Minute abgerechnet wird.

Keine weiteren Fragen.

3. Berlin kann keinen Großflughafen bauen

Falsch: Wir wollen es einfach nicht. Niemand möchte nach Schönefeld, wenn es doch diesen zentralen Flughafen in Tegel gibt. Klaus Wowereit profitiert in Wahrheit heimlich von der Bauverzögerung. Wir alle werden ihn so lange weiterwählen, bis er in Rente geht, nur um nicht diese elende Strecke mit der S9 runterjuckeln zu müssen, wenn wir in den Urlaub fliegen wollen.

4. Berliner Mundart

NIEMAND SAGT TELESPARGEL ZUM FERNSEHTURM!

Niemand.

Wirklich. Niemals.

Katjas kleines Tierlexikon

  • Der Aal war Fisch des Jahres 2009. Dabei ist zu vermuten, dass es der Jury nicht ums Aussehen ging.
  • Die Biene gilt als emsig und strebsam. Momentan ist sie aber eher sterbsam.
  • In jedem Haus leben ca. drei bis vier Chamäleons, wenn es sich um ambitionierte Tiere handelt, sieht man sie allerdings nicht.
  • Der Dackel entwickelte sich vom Jagdhund zum Trendhund. Die Hochzeit der Dackelmode (Zehnerjahre) führte 2015/2016 zum Aussterben der französischen Bulldogge, des Mopses und des Weimaraners. Der letzte lebende Mops wurde im August 2016 an einer Brandenburger Autobahnraststätte gesichtet.
  • Zu jedem Entenrudel gehört ein Schwan, der immer mitschwimmt.
  • Froschschenkel schmecken nach Hühnchen. Chicken Nuggets schmecken nach Frosch.
  • Goldfische sind in Wirklichkeit orange.
  • Haie tragen gerne Halsketten mit Surferzähnen als Anhänger.
  • Igel machen Winterschlaf, d.h. Berliner Igel sind nur sechs bis acht Tage im Jahr wach.
  • Viele indigene Völker in Amerika verehrten Götter in Jaguarform. Jaguare taugen als Götter demzufolge nicht so viel.
  • Katzen haben spezielle Sensoren an den Pfoten. Wenn Sie längere Zeit auf dem Gesicht eines Menschen stehen, können sie spüren, ob dieser noch schläft.
  • Nach einer Lamatherapie können die Tiere viel besser über ihre Gefühle sprechen.
  • „Hast du die Makaken gesehen?“ (alter Tierpflegerwitz).
  • Das Horn des Nashorns wirkt nur dann als Aphrodisiakum, wenn man es isst, während es noch auf der Nase des Tieres sitzt.
  • Das Erbgut von Mensch und Orang-Utan ist zu 97% identisch. Bei rothaarigen Menschen sind es 98%.
  • Piranhas sind ausschließlich in B-Movies zu sehen. Sie sind der Eric Roberts der Tierwelt.
  • Quallen haben weder Rückgrat noch Gehirn und können sich ungeschlechtlich vermehren. Man muss sie sich als sehr glückliche Tiere vorstellen.
  • Ratten sind Mäuse mit mieser PR.
  • Seepferdchen können in Wahrheit weder vom Beckenrand springen noch einen Gegenstand mit den Händen aus schultertiefem Wasser herausholen.
  • Es wurden noch nie Babytauben gesehen, aber die Regierung verbietet es, darüber zu sprechen.
  • Das Wort Uhu ist eine Onomatopoesie, eine Lautmalerei. Das arme Tier wurde nach seinem Balzruf benannt. Wäre mir das passiert, hieße ich „Oh Gott, ich traue mich nicht!“.
  • Die Wikipedia-Autoren führen unter Vogelspinnne den Unterpunkt „Delikatesse“ auf. Aber man ist ja schon froh, wenn sie sich nicht nur von Chips und Lieferpizza ernähren.
  • Es gilt die Faustformel: Wenn dir als Kind nur Wellensittiche erlaubt wurden, warst du kein Wunschkind.
  • Machen wir uns nichts vor, der Xenocongrid steht hier nur aus Mangel an Alternativen.
  • Unter den langen Zottelhaaren verstecken Yaks mehrere „Free Tibet!“-Aufkleber.
  • 65 % aller Zebras werden vor laufender Kamera bei Wasserlöchern von Löwen gefressen. Der Rest stirbt – ebenfalls vor laufender Kamera – durch Krokodile in den Wasserlöchern.

In der Nahrungskette

Städte verändern sich. Das ist ihr Wesen. Würden Städte sich nicht verändern, hießen sie München.

Veränderungen sind ja an sich zumeist eine gute Sache. Ich schätze es sehr, dass wir nicht mehr Frauen als Hexen verbrennen, in Höhlen leben oder Wählscheibentelefone benutzen. Aber die meisten großartigen Veränderungen haben ihren Preis. Smartphones zum Beispiel sind großartig, in Sachen Lebensdauer den Wählscheibentelefonen aber deutlich unterlegen. Außerdem hat noch nie jemand im Restaurant das Gespräch unterbrochen, um auf sein Wählscheibentelefon zu gucken.

Ich schätze auch die allermeisten Veränderungen in Teilen Berlins*. Sie verliefen in den letzten Jahren etwas rasanter als in anderen Städten, es gab so viel nachzuholen. Die Stadt insgesamt ist offener und bunter geworden, schöner und aufregender als meine alte Heimat Westberlin.

Ich könnte also gut einen langen Text darüber schreiben, wie sehr sich Berlin zum Positiven entwickelt hat, aber wir sind hier im Internet, da muss man motzen und jammern. In dem Fall wird es mir zurzeit ziemlich leicht gemacht, denn der Preis für die positive Veränderung ist ganz konkret in Euro pro Quadratmeter auszurechnen.

In Berlin hat man schon immer gerne über die Mietpreise gesprochen. Ganz früher darüber, wie günstig man hier wohnen kann, später darüber, dass die Preise nun doch anziehen und mittlerweile wird das Gespräch immer häufiger von einem entsetzten Kopfschütteln unterbrochen. Man fragt sich, wo es eigentlich diese Jobs gibt, von denen man die neuen Mieten zahlen kann und man stellt fest, dass das böseste F-Wort in Berlin nicht für sexuelle Handlungen steht, sondern für Ferienwohnungen.

Das Problem ist hinreichend bekannt und es wird zumindest so getan als arbeite man an Lösungen. Aber diese Entwicklung hat einen Aspekt, über den man selten spricht: Man wird dabei selbst zum Arsch. Denn wer nicht selbst in die Außenbezirke ziehen möchte, sorgt zumindest indirekt dafür, dass andere das tun müssen.

Aus meiner letzten Wohnung in einer beliebten Gegend in Mitte musste ich vor einem Jahr ausziehen, nachdem das Haus von einer schwedischen Investmentgesellschaft gekauft wurde. Es wurde umgehend luxusmodernisiert – natürlich unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung, die von Mieterinnen und Mietern zu einem großen Teil selbst bezahlt werden muss. Diese Wohnung findet man zurzeit in den großen Immobilienportalen zur Vermietung ausgeschrieben, die Kaltmiete wurde exakt um 100 % erhöht.

Mit mir mussten u. a. zwei junge Familien und drei ältere Ehepaare aus dem Haus ausziehen, in dem einige schon seit 30 Jahren wohnten. Die meisten mussten den Bezirk verlassen, in Mitte kann man mit einer Ost-Rente nicht mehr viel anfangen.

Interessenten für die neue Wohnung werden nun ein komplett leeres Haus besichtigen, in dem es noch keine Nachbarinnen oder Nachbarn, dafür aber einen modernen Außenfahrstuhl gibt. Ihnen wird bewusst sein, dass der Auszug aller vorherigen Mieterinnen und Mieter nicht freiwillig erfolgte.

Da ich aus meiner jetzigen Wohnung wegen eines massiven Gebäudeproblems ausziehen muss, steht auch mir schon wieder ein Umzug bevor. Natürlich sind die Mieten innerhalb des letzten Jahres erneut angestiegen.

Nach acht Jahren in Berlin Mitte werde ich daher voraussichtlich aus diesem Bezirk wegziehen. Er ist zu teuer geworden, aber auch zu homogen und langweilig. Ich persönlich bin nicht besonders traurig darüber, Veränderung tut auch meinem Leben gut.

Was mich jedoch traurig stimmt, ist meine Rolle als Wohnungssuchende. Ich werde die gestiegenen Mietpreise in anderen Bezirken zahlen können – im Gegensatz zu vielen anderen Alteingesessenen. Jetzt bin ich es, die leere, neu sanierte Häuser im Wedding oder Tiergarten betritt und sich fragt, was mit den Vormietern passiert ist. Ob sie jetzt nach Spandau oder Marzahn ziehen mussten und was das eigentlich für eine Stadt bedeutet, wenn sich die Einwohner gegenseitig in die Peripherie verdrängen. Ob das nicht eine der wenigen Veränderungen ist, denen man so gar nichts Positives abgewinnen kann?

 

*Reinickendorf und Steglitz etwa sollten sich hier nicht angesprochen fühlen. Nein, ein, zwei neue Einkaufszentren zählen nicht zu den Veränderungen, die ich meine.

Anleitung zum Aufregen

Die Welt macht es uns immer schwerer, sich aufzuregen. Man versteht ja immer weniger. Was es genau mit der Eurokrise und -rettung auf sich hat, wie das jetzt mit China und seinen Dissidenten ist oder die gottverdammte Klimakatastrophe: Alles viel zu komplex für einen wohl verdienten Aufreger zwischendurch.

Glücklicherweise bietet uns der Alltag andere Möglichkeiten, um die schlaffen Emotionen in Wallung zu bringen, im besten Falle sogar in Verbindung mit einem wohl verdienten Überlegenheitsgefühl. Worüber und vor allem wie man sich als Mensch von Welt am besten aufregt, zeigt folgende Übersicht.

1. Klatschen im Flugzeug

Man kennt das: Kaum ist das Flugzeug – oder wie wir sagen, der Flieger – gelandet, fangen die anderen Passagiere an zu klatschen. ZU KLATSCHEN! Wie die Tiere!
Man möchte der Stewardess das Mikrofon aus der Hand reißen und dem Plebs erklären, dass der Pilotenjob eine Landung nun mal beinhaltet und sie ja wohl auch nicht applaudieren, wenn der Busfahrer sie heil zum Arbeitsamt gebracht hat. Die korrekte Reaktion allerdings ist es, mit hochgezogenen Augenbrauen sein Umfeld zu scannen, um jemanden zu finden, der genauso denkt. Findet man jemanden, zieht man die Augenbrauen als Zeichen des gegenseitigen Erkennens noch ein Stückchen höher und feiert diesen kleinen Erfolg mit einem Seufzer.

2. Dicke Menschen

Wenig bietet so viel Aufregungspotenzial wie dicke Leute. Außer vielleicht dicke Leute, die in der Öffentlichkeit essen oder dicke Leute in Leggings – denkbar ist auch der schlimmst mögliche Fall: dicke Leute in Leggings, die in der Öffentlichkeit essen. Es ist eine einzige Provokation. Diese Menschen laufen rum und nehmen Nahrung zu sich, ganz so als wüssten sie überhaupt nicht, dass sie fett sind. Hier möchte man natürlich sofort einschreiten und ihnen ein „Sie sollten sich was schämen!“ oder „Müssen Sie etwa immer noch essen?“ zuraunen, aber man ist ja kein Unmensch. In dem Fall ist es äußerst hilfreich, eine Begleitung zu haben, der man sein Unverständnis darüber mitteilen kann. Ansonsten tun es auch missbilligende Blicke.

3. Englisch im ICE

Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft ist der vereinte Ärger über die Bahn. Verspätungen, Zugausfälle und erst diese Ticketpreise!
Das alles wäre aber noch zu verkraften, würde der Bahnchef endlich seine Mitarbeiter zu Sprachkursen verpflichten. Man blamiert sich fast zu Tode, wenn das Zugpersonal mitreisenden Touristen nicht die Umsteigemöglichkeiten auf Englisch erklären können. Das Schlimmste aber sind die Zugdurchsagen. Wie peinlich die schlechte Aussprache des „Thank you for travelling with Deutsche Bahn.“ war und erst das „We wish you a pleasant journey.“. Es klingt, als wären wir ein Volk von Primitivlingen, die amerikanische Serie in synchronisierter Fassung gucken! Hierüber herrscht im Großraumabteil zum Glück immer Einigkeit, man kann nach einer solchen Durchsage also ruhig verächtlich auflachen und sich der Solidarität der Mitreisenden sicher sein.

4. Gegenderte Texte

Gesellschaftlicher Wandel gut und schön, aber doch nicht zu Lasten unserer Sprache! Ein „Mitbürgerinnen und Mitbürger“ am Anfang eines Textes ist noch zu verkraften, alles andere ist Sprachverhunzung und verletzt unseren Sinn für Ästhetik. Wenn es in einem Artikel im Handelsblatt um Aufsichtsräte geht, ist es doch wohl jedem klar, dass damit auch Frauen gemeint sind.
In diesem Fall hilft nur aktive Sprachpflege: Leserbriefe und Blogkommentare zu jedem gegenderten Text, außerdem höhnisches Lachen und missbilligendes Kopfschütteln.

5. Omas mit Münzgeld

Supermärkte sind voller alter Menschen mit Münzgeld. Alte Menschen sind sowieso eine Zumutung, hat man aber das Pech hinter so jemandem an der Kasse zu stehen, sind sie eine Zumutung, die Lebenszeit kostet. Es ist überhaupt nicht einzusehen, weshalb Rentner ihre Einkäufe nicht zwischen 11.30 und 12.30 Uhr erledigen können, sondern Berufstätigen im Weg stehen müssen. Dazu kommt, dass ihnen das Prinzip EC-Karte immer noch nicht geläufig ist und sie ihre Äpfel und Kommißbrot mit Münzgeld bezahlen wollen. Zittrige Omahände in Verbindung mit grauem Star – eine einzige Anmaßung! Für jede zehn Sekunden, die sie in ihrem Münzfach kramen, darf man als Wartender einmal aufseufzen, ruhig auch etwas lauter, man bedenke die Altersschwerhörigkeit.

 

Die Wahrheit über Ex-Freunde

Ex-Freunde sind ein äußerst untererforschtes Thema, fast ein blinder Fleck in der Wissenschaftswelt und ich würde sogar so weit gehen und behaupten: Über Ex-Freunde spricht man nicht, Ex-Freunde hat man.

Was interessiert die Leute besonders zu diesem Thema? Ich habe mich der Frage per Google-Recherche genähert und festgestellt, dass es hier zwei große Themenbereiche gibt:

  1. Wie bekomme ich meinen Ex zurück?
  2. Ex-Freund zerstückelt Frau in Gartenlaube.

Wir bewegen uns also in einem traurigen und gleichermaßen furchteinflößenden Umfeld: Frauen, die ihre Ex-Freunde zurückhaben möchten!

Kein Wunder, dass sich die Wissenschaft so selten an dieses Thema heranwagt.

Nicht einmal die Wikipedia hat einen Eintrag über Ex-Freunde. Dafür aber eben einen sehr langen über World of Warcraft und einen noch längeren über Katzen.

Die Schwierigkeit des Themas liegt auch an dessen Vielfältigkeit. Boris Becker und Norbert Röttgen sind Ex-Freunde, Albert Einstein war Ex-Freund und ja, auch Adolf Hitler. Grob geschätzt sind etwa ein Drittel der Weltbevölkerung Ex-Freunde.
2.3 Milliarden.
Das erklärt einiges.

Ich kann hier also nicht dem Anspruch genügen, eine vollständige Abhandlung über Ex-Freunde zu bringen, sondern möchte lediglich zwei Aspekte beleuchten, die mir wichtig und interessant erscheinen.

Ich beginne mit ein paar Zahlen, die ich aus den Untiefen des Internets fischen musste:

  • Laut der Europäischen PARSHIP Single- und Partner-Studie hat der oder die Durchschnittsdeutsche 2,6 Ex-Partner (unklar bleibt, ob die Befragten vielleicht erst achtzehn Jahre alt waren).
  • Das Schlachtross des Wissenschaftsjournalismus, die Neon, hat eine Umfrage in Auftrag gegeben, nach der nur 55,6 % aller Deutschen bis 35 Jahren je einen One-Night-Stand hatten.
  • Und zu guter Letzt habe ich auf welt.de eine internationale Studie gefunden, nach der deutsche Frauen in ihrem Leben 10,1 Geschlechtspartner haben.

Ich fasse zusammen:

Deutsche Frauen haben im Durchschnitt 2,6 Beziehungen hinter sich, nur jede Zweite One-Night-Stands und sie kommen trotzdem irgendwie auf 10,1 Sexualpartner? Diese Zahlen passen doch gar nicht zusammen, könnte man meinen.

Ich denke doch.

Viel größer als die Gruppe der Ex-Freunde, die man unbedingt zurückhaben möchte, und die Gruppe, die einen in Parkhäusern erstechen, ist ein anderer Ex-Freundtyp:

„Der Vergessene“.

Mit dem Vergessenen ist man in der Regel zwei bis vier Monate zusammen, häufig eine klassische Übergangsbeziehung. Übergangsbeziehungen sind so etwas wie Übergangsjacken. Meistens nicht besonders schön, aber praktisch und wenn man sie verliert, hat man sie nach weniger als einer Woche vergessen.

Wenn einen dann Jahre später Leute vom Marktforschungsinstitut anrufen und  nach der Anzahl seiner Beziehungen fragen, fällt einem vielleicht der erste feste Freund ein oder der Ex, der einen mit der besten Freundin betrogen hat ein oder vielleicht auch noch die ein oder andere zehnjährige Beziehung, aber all die Stefans, Holgers, Andreasse, Martins und Christians  sind längst vergessen oder wurden von der inneren Ratingagentur von Ex-Partner auf Ex-Sexualpartner heruntergestuft. Da über sie naturgemäß nie Bücher geschrieben oder Filme gedreht werden, tauchen sie in der öffentlichen Wahrnehmung nicht auf und bleiben ein verborgenes Kapitel in der Geschichte zwischenmenschlicher Beziehungen.

Der zweite Aspekt, dem ich mich widmen möchte, behandelt die Frage:

„Wie werde ich eigentlich Ex-Freund?“.

Auch hier zitiere ich eine Parship Studie, die die Top Five der besten Möglichkeiten zur Ex-Freundwerdung aufzählt:

  1. Untreue (63 %)
  2. Ausgehender Gesprächsstoff (59 %) („Nein Schatz, es liegt nicht an dir, sondern an unserem ausgehenden Gesprächsstoff.“)
  3. Lügen (48 %)
  4. Unterschiedliche Lebensziele (44 %)
  5. Nörgeleien an meiner Person (40 %) (also nicht an meiner Person, sondern an der der Befragten, wobei ich es ja schon niedlich fände, wenn das für andere ein Trennungsgrund darstellen würde)

Um ganz sicher zu gehen, Ex-Freund zu werden, empfehle ich also, eurer Freundin folgendes zu sagen:

„Schatz, eigentlich habe ich dir nichts mehr zu sagen. Außer vielleicht, dass ich meine Kollegin gebumst habe, weil du Physikerin werden möchtest und ich aber Tierfilmer und weil du immer so laut schmatzt beim Essen.“

Wenn das Ganze dann auch noch gelogen war: umso besser.

Ansonsten hilft auf dem Weg zum Ex-Freunddasein ein Hinweis, der schon viele Sachbuchautorinnen und -autoren sehr, sehr reich gemacht hat:

Sei einfach du selbst!

 

Die Wahrheit über Katzen

In deutschen Haushalten leben nach Auskunft des Industrieverbandes Heimtierbedarf 8,2 Millionen Katzen. Das ist eine unglaubliche große Zahl. Zur Verdeutlichung: Sie entspricht ungefähr einer ganzen Menge Fußballfelder oder auch ziemlich genau der Anzahl weiblicher Single-Haushalte.

Von diesen 8,2 Millionen Katzen haben die meisten einen eigenen youtube-channel und Twitter-Account. Wir werden also ständig mit Katzen konfrontiert und sollten uns schon aus diesem Grunde ein wenig vertraut machen mit ihnen.

Leider ist unser Katzenwissen aber geprägt durch Stereotype und Vorurteile. Wir sehen im Internet Klavier spielende Katzen, lesen Bücher über Detektivkatzen und ganz abgebrühte sehen sogar singende und tanzende Katzen in Musicals. Jeder, der schon mal ein Autorenzitat über Katzen auf einer Postkarte gesehen hat, darf an dieser Stelle hysterisch lachen.

Unsere Kultur transportiert ein absolut falsches Bild dieser Tiere und verdeckt gleichermaßen den Blick auf die Realität. Um den Schleier ein wenig zu lüften, werde ich die drei gängigsten Vorurteile über Katzen vorstellen und versuchen zu entkräften.

Vorurteil Nummer 1: Katzen sind unabhängige Freigeister

Katzen gelten als eigenständige Tiere, die nicht sofort jedem Menschen auf den Schoß springen, sich von ihm kraulen lassen und ihn zum allerbesten Freund erklären, den man überhaupt haben kann. Das Gerücht können nur Leute in die Welt gesetzt haben, die nie mit einer Käsestulle vor einer Katze standen. Oder mit Kartoffelsalat. Oder Räucherlachs. Oder mit Vanilleeis.

Diese Unbestechlichkeit steht in enger Verbindung mit einer angeblichen Eigenständigkeit.

[Triggerwarnung: Es folgt ein Autorenzitat über Katzen.]

Mark Twain formulierte es so: „Of all God’s creatures there is only one that cannot be made the slave of the lash. That one is the cat.“

An dieser Stelle müsste man einhakend fragen, was denn mit Fledermäusen, Blindschleichen oder Schnecken ist und inwiefern sich diese versklaven lassen, aber man möchte ja nicht pingelig gegenüber toten Autoren werden.

Hauskatzen wurden vor ca. 10.000 Jahren domestiziert. Übrigens vermutet man aufgrund beiderseitiger Vorteile, dass es sich hier um eine Selbstdomestikation der Tiere gehandelt hat. Es war also so, dass der Appetit der Katzen auf Essensabfälle der Menschen größer war als ihr unabhängiger, freier Geist und dass dieser sie dazu gebracht hat, sich sehr wohl an uns zu binden.

Und das änderte sich auch nicht. 2011 wurden in Deutschland fast 1,5 Milliarden Euro für Katzenfutter ausgegeben. Damit erreichen Katzen eine Unabhängigkeits- und Freigeiststufe, die noch unter der von Neunzehnjährigen, die von ihren Eltern ein Bachelorstudium in Philosophie bezahlt bekommen, angesiedelt ist.

Vorurteil Nummer 2: Katzen sind intelligent

Ich zitiere aus Brehms Tierleben:

„Man spricht viel von ihrer Schlauheit und List: mit Recht;(…) Sie ist Meister über sich, wie alle Listigen, und kennt den richtigen Augenblick.“

Gut, Brehm, der alte Stereotypenreiter, hat die Tierwelt jetzt nicht immer richtig fundiert durchschaut, aber auf die Intelligenz der Katze wird immer wieder gerne hingewiesen.

Wikipedia, die Weisheit der Moderne, führt im Eintrag über Katzen (der im Übrigen fast so lang ist wie der über den zweiten Weltkrieg und sogar noch länger als der über World of Warcraft) im Abschnitt „Intelligenz“ folgendes Argument an:

„Außerdem sind Katzen fähig, auf ihren Namen zu hören, sofern dieser kurz und prägnant ist. Um eine Katze mit ihrem Namen vertraut zu machen, ist es von Vorteil, ihn möglichst früh zu benutzen und sie vor jeder Mahlzeit damit zu rufen; Katzen reagieren in hungrigem Zustand deutlich besser auf Namensrufe.“

Ich habe mir die Mühe gemacht, dieser Behauptung empirisch nachzugehen. Ohne hier nun mit wissenschaftlichen Details zum Versuchsaufbau und der Methode zu langweilen, kann ich verkünden: Ja, das stimmt. Katzen in hungrigem Zustand reagieren deutlich besser auf ihren Namen. Sie reagieren allerdings genauso gut auf Rufe wie „Fresschen!“, „Komm, Fettbärchen!“ oder „Urheberrechtsverletzung!“.

Aber wie sollte man die Cleverness von Katzen sonst beweisen? Versuche zur Intelligenz wie man sie mit Papageien, Ratten, Krähen und Kleinkindern durchführte, funktionieren mit Katzen nicht. Angeblich, weil sie auf die üblichen Dressurmethoden nicht ansprechen. Interessanterweise wird ihnen das auch immer wieder als Zeichen besonderer Intelligenz ausgelegt: Die Katze, so heißt es, sei viel zu klug, um sich vom Menschen verbiegen lassen. Dagegen heißt es seltsamerweise nie, dass sich Kellerasseln oder Kaninchen nicht dressieren lassen, weil sie viel zu stolz und intelligent sind, um den Menschen einen Gefallen zu tun. Nein, bei Kellerasseln darf man durchaus sagen, dass man mit ihnen keine Intelligenztests durchführen kann, weil sie einfach zu dumm sind.

Wenn man dazu bedenkt, dass 87 % aller youtube-Videos Katzen zeigen, die von irgendwo herunter oder in irgendetwas hineinfallen oder mit irgendetwas zusammenstoßen, ahnt man auch, weshalb Katzen in menschlicher Obhut zwölf bis fünfzehn Jahre alt werden, allein in freier Natur jedoch nur drei bis vier Jahre.

Vorurteil Nummer 3: Katzen sind leise

Wie tief dieses Vorurteil in unser Denken eingebrannt ist, zeigen zwei Googleabfragen: Der Begriff „Samtpfote“ bringt 735.000 Ergebnisse, „Katzenlärm“ dagegen nur 639 (Stand Oktober 2012).
Dass es sich hierbei um leise Tiere handelt, kann sich nur die Katzenindustrie ausgedacht haben. Selbst das stimmlose Schnurren – direkt ins Ohr vorgetragen – kann einen ausgewachsenen Menschen innerhalb von zweieinhalb Sekunden wecken.

Neben dem Schnurren unterscheidet die Wissenschaft und der morgens ausschlafen wollende Mensch zehn weitere Lautäußerungen der Katze: Fauchen, Spucken, Knurren, Schnattern, Meckern, Miauen, Gurren, Rufen, das Abwehrkreischen und den Katergesang. Bis auf die letzten beiden hört man von Hauskatzen alle diese Laute regelmäßig bis zu fünf Mal am Tag – und zwar vor den Essenszeiten.

Besonders hervorzuheben ist der Bettelruf der Katzen, dem sie dem Schnurren beimischen. Die Frequenz dieses Tones liegt bei 380 Hertz – in diesem Bereich bewegen sich auch die Heulschreie von kleinen Kindern. Neben der Lautsprache kommunizieren sie aber auch durch andere Geräusche. Langeweile, Hunger, schlechte oder gute Laune signalisieren sie durchs Kratzen an der Tür, Herunterschmeißen von Blumenvasen, stundenlange Scharren im Katzenklo, Sprinten auf Parkettböden, Wühlen im Altpapier und Zerkratzen der Couch.

Wer ein leises Tier sucht, dem lege ich Schildkröten ans Herz oder Schlangen, meinetwegen auch Fische, aber mit Sicherheit keine Katze.

Von sämtlichen Autorenzitaten über Katzen hat nach Eigenrecherche tatsächlich nur ein einziges einen wahren Kern und zwar von Ernest Hemingway: „One cat just leads to another.“.

Warum ich aufhörte, nett zu sein

Als durchaus experimentierfreudiger Mensch habe ich einen Versuch gestartet, der ungewöhnliche Wege beschritt und so umfassend scheiterte, dass ich ihn aufschreiben musste:
Ich war nett im Internet.

Geübte User werden nun die Hände über den Kof zusammenschlagen und ob meiner Naivität um Fassung ringen, aber ich wollte es nicht unversucht lassen.

Seit 2010 entwerfe ich mal mehr, mal weniger lustige Grafiken und stelle sie in das Graphitti-Blog. Aus dem Blog wurde ein Buch, ein kreatives Spaßprojekt bleibt es dennoch.

Anfangs bekamen wir viele Anfragen, ob man auf unser Blog oder auf einzelne Grafiken verlinken dürfe und ich hatte schon die Befürchtung, die Abmahnungslust großer Bildagenturen oder kleinerer Kochbücher habe die Verlinkungsfreude des Internets gelähmt. Meine Standardantwort in diesem Fall war – und ist noch immer – , dass wir uns über Verlinkungen sehr freuen und dass nicht-kommerzielle Anbieter auch unsere Grafiken auf ihren eigenen Seiten posten können, wenn sie denn die Quelle angeben.

Das Nettsein war bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Problem: Unser Nettsein (kostenloser Content) wurde mit dem Nettsein des Internets (Verlinkungen, Kommentare, Zuschriften) belohnt.

Dann gab es den ersten, noch winzig kleinen Zwischenfall. Ein Tweet wurde eines Abends in meine Timeline retweetet, der auf ein Twitpic verlinkte. Das Bild war eine meiner Grafiken und ich schrieb dem Twitterer in einem nicht unfreundlichen Ton, dass es höflicher wäre, nicht so zu tun als sei das Bild von ihm, sondern die Quelle anzugeben. Seine Reaktion fiel anders als erwartet aus. Statt sich zu entschuldigen, den Fehler zu korrigieren oder mich wenigstens peinlich berührt zu ignorieren, warf er mir vor, es sei meine eigene Schuld, wenn ich keine Wasserzeichen auf meine Bilder setze und dieser Meinung folgten auch alle anderen, die diese Konversation lasen und kommentierten.

Meine Nettsein-Strategie wurde davon nicht berührt, ich schob es auf eine besonders hohe Trotteldichte am späten Abend auf Twitter und als sich ähnliche Geschichten wiederholten, ignorierte ich diese einfach peinlich berührt.

Dann, im Dezember letzten Jahres, machten mich Leser unseres Blogs darauf aufmerksam, dass auf der Facebookseite eines Fernsehsenders eine meiner Grafiken gepostet worden war, ebenfalls ohne Quellenangabe. Ich schrieb die Quelle in die Kommentare, was bei mittlerweile schon mehr als 2.000 Anmerkungen zu meiner Grafik denselben Effekt hatte, wie meinen Katzen zu verbieten, im Bett zu schlafen. Außerdem wendete ich mich per E-Mail an den Sender und erklärte ihnen die Sache mit dem Urheberrecht und wollte mich diesbezüglich mit ihnen einigen. Drei Tage später erhielt ich eine Antwort, die mit dem Satz „Nichts für ungut.“ begann und im Grunde auch so endete.

Das war das erste Mal, dass ich mein Nettsein pausieren ließ und Menschen beauftragte, in meinem Auftrag zwar nicht direkt unnett zu sein, aber zumindest ein solches Verhalten nicht peinlich berührt zu ignorieren.

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Vor meinem geistigen Auge sah ich Heerscharen von Piraten vor meiner Wohnung gegen die Contentmonopolistin Katja „the SOPA“ Berlin demonstrieren, die mit ihrer kruden Vorstellung von geistigem Eigentum der freien Informationsgesellschaft Steine in den Weg legt. Ich wollte nicht so sein. Andererseits achte und schätze ich das Urheberrecht und konnte mich zudem aus meiner moralischen Bredouille retten, indem ich mir sagte, dass ich es hier nicht mit einem unhöflichen Twitterer, sondern mit einem großen Medienkonzern zu tun habe, der im umgekehrten Falle sicherlich auch nicht nett geblieben wäre.

Leider wiederholte sich dieser Fall bislang viermal in diesem Ausmaße und nur ein einziger kommerzieller Anbieter entschuldigte sich für diesen Fehler und zahlte mir für die Nutzung meiner Grafik Lizenzgebühren ohne den unerfreulichen Umweg über Anwälte gehen zu müssen.

Mein Versuch, nett zu sein, hörte hiermit gegenüber kommerziellen Anbietern auf. Aber es blieben ja noch größere nicht- oder semi-kommerzielle Anbieter. Als Testobjekt rückte nun eine sehr kleine westdeutsche Stadtzeitung in mein Blickfeld, wiederum ein Hinweis eines Bloglesers. Auch hier die Ausgangslage, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe auf der Facebookseite gepostet wurde.

Ich schrieb dem Chefredakteur eine E-Mail, indem ich ihn über mein Urheberrecht in Kenntnis setzte, ihm mitteilte, dass ich keine Anwälte einschalten werde und ihm eine Rechnung über eine kleine Lizenzgebühr in Aussicht stellte. In seiner ersten Mail schrieb er, dass er ja nicht wusste, dass die Grafik von mir sei* und ich selber schuld sei, weil ich keinen Copyrighthinweis auf das Bild gesetzt habe. Auf meine zweite, etwas weniger nette Mail kam die Antwort: „wenn es denn um eine entschuldigung geht – bitteschön, hiermit entschuldigen wir uns.“.

Damit war die Sache für mich erledigt. Manchmal reicht ja auch einfach eine liebevolle, von Herzen kommende Entschuldigung, um sich gütlich zu einigen. Netten Menschen kann man einfach nichts abschlagen.

Dass ich gestern den Test nun doch komplett abbrechen musste, lag an einer nicht-kommerziellen Facebookseite mit sehr, sehr vielen Fans, die Fotos und Texte postet. Ich bekam mal wieder den Hinweis, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe gepostet wurde. Also habe ich das getan, was ich auch schon bei dem ersten Fernsehsender getan habe: Ich schrieb die Quelle in die Kommentare und bat höflich darum, zukünftig unseren Inhalt einfach zu sharen oder zu verlinken. Drei Stunden später war mein Kommentar gelöscht.

Damit war mein Experiment gescheitert. Ich habe die Urheberrechtsverletzung Facebook gemeldet, das den Inhalt mittlerweile entfernt hat. Das war nicht nett, aber ich hatte keine Lust mehr.

Ergebnisse meines Experimentes:

  1. Zum Glück ist der überwiegende Teil des Internets immer noch nett. Sämtliche Hinweise auf geklaute Grafiken stammten von Blogleserinnen und -lesern, denen es ebenso missfällt, wenn fremde Inhalte ohne Quellenangabe gepostet werden. Dem kleinen weniger netten Teil wünsche ich keine Netzsperren, sondern fies juckenden Ausschlag.
  2. Urheberrechtsverletzungen sind die eine Sache. Die können einem durchaus mal durch Unwissenheit, Faulheit oder Unorganisiertheit passieren. Meistens steckt ja kein böser Wille dahinter. Eine andere Sache jedoch ist es, wie bei einem netten Hinweis damit umgegangen wird. Die Tatsache, dass sich nur ein einziger Anbieter bei mir ernsthaft entschuldigt und sein Fehlverhalten umstandlos eingesehen hat, hat mich enttäuscht.

 

* Alle Titel meiner Grafiken führen bei einer einfachen Googlesuche aufs Blog, geübte Journalisten könnten die Quelle also durchaus recherchieren.

Museumsführung

Berlin ist keinesfalls arm an Museen, aber seit der MoMA-Ausstellung 2004 ist es eigentlich kaum noch möglich, eines davon zu besuchen. Warteschlangen haben sich damals als wichtigster Indikator künstlerischer Relevanz etabliert und begeistern nun Besucher, Aussteller und Medien gleichermaßen. Wer sich beispielsweise die „Gesichter der Renaissance“ im Bode-Museum ansehen wollte, musste zunächst seinen gesamten Jahresurlaub nehmen und sich dann irgendwo hinter Prenzlau ans Ende der Wartenden einreihen.

Mein Wochenende in Paris nutzte ich daher,
um mir mit K.  im Louvre alte Kunst anzusehen, die damals erstaunlicherweise noch völlig ohne Beamer, aufgeschnittene Tiere, Nylonstrümpfe und Lautsprecher auskam.

Man geht von der Metrostation durch eine unterirdische Ladenpassage direkt in den Eingangsbereich unter der Glaspyramide. Vorher muss man seine Tasche durch ein Röntgengerät schicken, wobei mir nicht klar wurde, wonach dabei gesucht wird. Meine Coladose, die ich dem französischen Sicherheitsbeamten pflicht- und schuldbewusst zeigte, wurde zum Beispiel anstandslos durchgewunken. Vor Phosphorsäureanschlägen auf Kunstwerke scheint man sich hier jedenfalls nicht zu fürchten. Auch Feuerzeuge, Stifte und ähnlich potenziell Bildergefährdendes sind kein Problem. Der Versuch mit Panzerfäusten steht allerdings noch aus.

Am warteschlangenfreien Eingang muss man sich dann entscheiden, in welchen der drei Gebäudeteile man zuerst gehen möchte. Der Louvre hat eine Größe, die ungefähr der des Saarlandes entspricht – jedenfalls dem Saarland in meiner Vorstellung. Als Erstbesucherin habe ich den Denon-Flügel gewählt, in dem die Mona Lisa lächelt. Auf dem Weg zu ihr durchquert man die Skulpturenabteilung mit ihrem Heer an Cäsaren, Göttinnen und Göttern. Ihre Körper sind so schlank und durchtrainiert, dass sie heute als falsche role models verachtet und zur Strafe auf die Cover sämtlicher Modemagazine verbannt würden.

Ein Stockwerk höher kommen die Gemälde. Aus Angst, beim genaueren Betrachten der Tizians, Raffaels und Tintorettos bis zum Schließen des Museums nicht weiter als bis zum 3. Raum zu kommen, stürme ich mir die Augen zuhaltend in den 6. Raum zu La Joconde. Ungefähr hundert Menschen sammeln sich vor da Vincis Gemälde und lächeln zurück. Oder sie lächeln vielmehr über das Schild vor dem Bild, das Fotografieren mit Blitzlicht verbietet.  Einige lächeln auch, weil sie sich hinter die Absperrung drängen und sich direkt vor dem Bild mit Mona Lisa fotografieren lassen, natürlich mit Blitzlicht.

Ich hege die Hoffnung, dass sämtliche Bilder im Louvre Fälschungen sind und die Pariser daher so entspannt im Umgang mit Coladosen im Museum sind. Als Witz stellen sie dann eine 1,50 m große Wächterin neben das bekannteste Gemälde der Welt, die nicht mal bei gezückten Panzerfäusten Interesse an ihrem Job simulieren würde.


Es ist mittlerweile gegen 12 Uhr und
der Denon-Flügel beginnt sich zu füllen.
Wir laufen zurück zum Eingang und bleiben nur vor den bekanntesten Werken stehen, die durch eine fotografierende Menschentraube leicht zu erkennen sind.

Schließlich verlassen wir die alten Italiener für die alten Niederländer und Deutschen. Im Richelieu-Flügel sind wir entre nous, hier sieht man weder russische noch japanische Besuchergruppen. Nur einige wenige Museumswächter stehen am Fenster und quatschen. Vermutlich sind die anderen im Keller und malen gestohlene oder durch Cola ruinierte Renoirfälschungen nach.

Es ist wie auf einer Oscar-Verleihung, bei der man an Matt Damon, Sandra Bullock und Kevin Spacey vorbeigeht, ohne sie zu erkennen, weil so viele von denen rumstehen und man eigentlich auf der Suche nach Jude Law ist. Jedenfalls übersehe ich auf der Suche nach Jan Vermeer einige van Dycks und van Eycks, kehre um, weil ich auch den Dürer übersehen habe, nur um dann festzustellen, dass „Die Spitzenklöpplerin“ zurzeit verliehen ist.

Dafür entdecke ich andere Raritäten, wie etwa
das Kind, das krassere Augenringe hat als ich.

Hinter dem Rembrandtraum kapitulieren wir. Wir suchen nach dem grünen Bild, das uns die Richtung des Ausgangs weist und verlassen den Louvre über die hässliche Glaspyramide. Ab hier muss man nur noch 536 Eiffelturmsouvenirverkäufer abwimmeln, um ein Café zu finden, in dem man sich hinsetzen und ausruhen kann.
Der nächste Jahresurlaub wird eingereicht, um den Louvre vollständig zu besichtigen.

Meine Fotos sind übrigens deshalb so unscharf, weil ich als einzige Besucherin kein Blitzlicht verwendet habe. Meine Fälschungstheorie haben mir nämlich noch nicht ausreichend viele allwissende Topcheckerblogger bestätigen können.

„Kann nur jedem abraten!“

Durch das Internet werde ich langsam, aber sicher zur Konsumverweigerin. Allerdings nicht etwa, weil mir erst durch Links auf Twitter klar geworden wäre, dass Nestlé das Palmöl gar nicht aus nachhaltiger Forstwirtschaft in der Südschweiz bezieht und Schlecker seine Kundschaft doch nicht für so akademisch-feinsinnig hält, wie es die ästhetische Filialgestaltung vermuten ließe. Nein, moralisch-ethische Konsumbedenken konnten auch vor der flächendeckenden Internetverbreitung durch ausreichendes Informationsmaterial gefüttert werden. Was mich verstärkt vom Geldausgeben abhält, sind die Rezensionen, Kritiken und Testberichte, die es zu jedem Produkt in millionenfacher Ausführung gibt.

Die Suche nach einem Hotelzimmer etwa ist nicht mehr möglich, ohne dass man vor der Buchung an den Erfahrungsberichten anderer Touristen über dieses Hotel vorbeikommt. Selbst wenn man die einzelnen Kritiken nicht liest, wird einem überall die Gesamtbewertung in Form von Sternen, Smileys, Sonnen oder Punkten angezeigt. Wenn das gewünschte Hotel, das so zentral liegt, eine so nette Terasse hat und sogar über freies WLAN verfügt, dann aber leider von den Usern nur mit drei von vier Sternen bewertet wurde, kann man es unmöglich buchen. Man ist ja immerhin nur noch eine Sucheingabe davon entfernt, ein Vier-Usersterne-Hotel zu finden. Eines, das außerdem noch ein Jacuzzi auf der netten Terasse hat und dabei weniger kostet.

Ehe man sich versieht, ist es Mitternacht und die einzigen Vier-Usersterne-Hotels, die man gefunden hat, berufen sich auf eine einzige Kundenbewertung, die in verdächtig schlechtem Deutsch verfasst wurde. Das liegt nicht daran, dass alle Hotels dreckig und verkommen sind, sondern dass es unmöglich ist, es allen Internetnutzern recht zu machen. Im besten Fall bucht man schließlich doch ein Zimmer im ersten Hotel und verdrängt bis zum Urlaub erfolgreich, dass eine Userin Staub in der unteren Nachttischschublade gefunden hat und einem anderen User die Früstücksbrötchen zu trocken waren. Im schlechtesten Falle sucht man so lange weiter, bis alle Hotels ausgebucht sind und man auf Amazon Zeltbewertungen lesen muss.

Schon seit einiger Zeit suche ich ein Androidsmartphone. Dafür lese ich redaktionelle Testberichte auf einschlägigen Seiten, die zwar mein Technikverständnis überfordern, mir aber das Gefühl vermitteln, für eine Kaufentscheidung ausreichend informiert zu sein. Sobald ich eine gefällt habe, muss ich jedoch dieses Ein-Mann-(leider viel zu selten eine Frau)-Eine-Meinung-Umfeld verlassen und auf Onlineshops gehen, die dieses Produkt wieder von den Usern bewerten lassen. Meine Kaufentscheidung zerbröselt schneller als ein Hobbykritiker „Kann ich nur von abraten!“ tippen kann. Auch wenn zu vermuten bleibt, dass JEDES Smartphone besser wäre als mein kaputtes altes Sony-Ericsson-Handy, kann ich mich nicht zu einem Kauf eines Produktes durchringen, dass von einem User als Ramsch bezeichnet wird, weil es keine Kopfhörer im Lieferumfang enthält.

Mein einziger Versuch, diesem Dilemma zu entgehen, scheiterte umfassend. Der Rechner, den ich mir vor eineinhalb Jahren kaufte, ohne vorher auch nur eine Onlinebewertung darüber gelesen zu haben, ist das qualitativ schlechteste Produkt des Jahrhunderts. Der Kundendiensttresen meines Elektronikhändlers ist seitdem mein Stammtisch.

Mir bleibt also keine andere Wahl, als mich von der Meinung der Massen von dem Kauf diverser Produkte abhalten zu lassen und das dadurch gesparte Geld in Weißwein und Katzenfutter zu investieren. Sollte ich je zufällig auf eine Grundnahrungsmittelbewertungsseite stolpern, wäre ich geliefert.

Anleitung zum Internet

Man sagt, das Internet bestehe aus Katzen und Pornos.

Falsch.

Das Internet besteht aus Katzen, Pornos und motzenden Menschen. Vorwiegend letzteres. Es ist ein großer Tummelplatz für Wüteriche, Besserwisser und beleidigte Leberwürste*. Wenn man mal aus Versehen einen Blick in Onlineforen wirft, könnte man meinen, sämtliche Kommentatoren seien im Wald von einem Rudel BVG-Busfahrer großgezogen worden.

Man blickt hinab in die „Tiefenschichten der Entrechteten“**, die von unfähigen Politikern regiert werden, von Schwachmaten umgeben sind oder von Muslimen/Frauen/Juden/Außerirdischen beherrscht und gedemütigt werden.  Im Netz dürfen sie sich endlich dagegen wehren und der Welt die Wahrheit verkünden. Auffällig oft verlieren sie dabei zusammen mit ihrer guten Kinderstube, einer gesunden Objektivität und Ironiefähigkeit auch ihre Rechtschreibkenntnisse***.

Der Anlass ihres Ärgers sind nicht nur tagespolitische Ereignisse, die sie im SPON-Forum diskutieren, sondern potenziell jeder im Internet nachlesbare Inhalt. Dabei kann es sich um Kochrezepte, Museumsbeschreibungen oder, wie in meinem Falle bei graphitti-blog.de, um mehr oder weniger lustige Bildchen handeln. Oft reicht ein einziges Stichwort, um unabhängig vom  eigentlichen Thema des Blog- oder Webseiteninhalts eine cholerische Diskussion in den Kommentarfeldern zu entfachen, die nur noch von einem löschaffinen Moderator gestoppt werden kann.

Wer hier versucht, mit Ironie gegenzusteuern, hat verloren. Um seinen Platz im Netz zu behaupten, hat man daher nur noch eine Möglichkeit: Man muss mitmachen. Freunden ausgewogener Diskurse fällt das meistens schwerer als ein Feierabend ohne Rotwein. Als Hilfestellung biete ich an dieser Stelle eine Reihe von Keywords, die ausreichend häufig angewendet, den Sieg in sämtlichen Onlinediskussionen quasi garantieren: Lakaien, Abnickerverein, Steuerknechte, „Volksvertreter“ (rofl), verlogener geht’s kaum noch, armes Deutschland!, der kleine Mann, das ist so typisch deutsch!, die so genannte „political correctness“ und gute Nacht, Deutschland!

Wenn alles nichts hilft, kann man immer noch den Kommentatorenjoker ziehen und alle anderen mit einem „Ach, halt doch dein dummes Maul!“ in ihre Schranken weisen.

* Es gibt auch Besserwisserinnen und beleidigte Leberwürsterinnen, allerdings sind sie deutlich in Unterzahl.
** Karl Marx meinte damit nicht das Internet, aber es passt so schön.
*** Dann gibt es aber glücklicherweise meistens noch andere Kommentatoren, die sich über falsche Orthografie beschweren.