{"id":213,"date":"2012-02-03T21:34:31","date_gmt":"2012-02-03T19:34:31","guid":{"rendered":"http:\/\/katjadittrich.de\/?p=213"},"modified":"2012-02-04T00:23:31","modified_gmt":"2012-02-03T22:23:31","slug":"warum-ich-aufhorte-nett-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katjadittrich.de\/?p=213","title":{"rendered":"Warum ich aufh\u00f6rte, nett zu sein"},"content":{"rendered":"<p>Als durchaus experimentierfreudiger Mensch habe ich einen Versuch gestartet, der ungew\u00f6hnliche Wege beschritt und so umfassend scheiterte, dass ich ihn aufschreiben musste:<br \/>\nIch war nett im Internet.<\/p>\n<p>Ge\u00fcbte User werden nun die H\u00e4nde \u00fcber den Kof zusammenschlagen und ob meiner Naivit\u00e4t um Fassung ringen, aber ich wollte es nicht unversucht lassen.<\/p>\n<p>Seit 2010 entwerfe ich mal mehr, mal weniger lustige Grafiken und stelle sie in das <a href=\"http:\/\/www.graphitti-blog.de\/\" target=\"_blank\">Graphitti-Blog<\/a>. Aus dem Blog wurde ein Buch, ein kreatives Spa\u00dfprojekt bleibt es dennoch.<\/p>\n<p>Anfangs bekamen wir viele Anfragen, ob man auf unser Blog oder auf einzelne Grafiken verlinken d\u00fcrfe und ich hatte schon die Bef\u00fcrchtung, die Abmahnungslust gro\u00dfer Bildagenturen oder kleinerer Kochb\u00fccher habe die Verlinkungsfreude des Internets gel\u00e4hmt. Meine Standardantwort in diesem Fall war \u2013 und ist noch immer \u2013 , dass wir uns \u00fcber Verlinkungen sehr freuen und dass nicht-kommerzielle Anbieter auch unsere Grafiken auf ihren eigenen Seiten posten k\u00f6nnen, wenn sie denn die Quelle angeben.<\/p>\n<p>Das Nettsein war bis zu diesem Zeitpunkt \u00fcberhaupt kein Problem: Unser Nettsein (kostenloser Content) wurde mit dem Nettsein des Internets (Verlinkungen, Kommentare, Zuschriften) belohnt.<\/p>\n<p>Dann gab es den ersten, noch winzig kleinen Zwischenfall. Ein Tweet wurde eines Abends in meine Timeline retweetet, der auf ein Twitpic verlinkte. Das Bild war eine meiner Grafiken und ich schrieb dem Twitterer in einem nicht unfreundlichen Ton, dass es h\u00f6flicher w\u00e4re, nicht so zu tun als sei das Bild von ihm, sondern die Quelle anzugeben. Seine Reaktion fiel anders als erwartet aus. Statt sich zu entschuldigen, den Fehler zu korrigieren oder mich wenigstens peinlich ber\u00fchrt zu ignorieren, warf er mir vor, es sei meine eigene Schuld, wenn ich keine Wasserzeichen auf meine Bilder setze und dieser Meinung folgten auch alle anderen, die diese Konversation lasen und kommentierten.<\/p>\n<p>Meine Nettsein-Strategie wurde davon nicht ber\u00fchrt, ich schob es auf eine besonders hohe Trotteldichte am sp\u00e4ten Abend auf Twitter und als sich \u00e4hnliche Geschichten wiederholten, ignorierte <em>ich<\/em> diese einfach peinlich ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dann, im Dezember letzten Jahres, machten mich Leser unseres Blogs darauf aufmerksam, dass auf der Facebookseite eines Fernsehsenders eine meiner Grafiken gepostet worden war, ebenfalls ohne Quellenangabe. Ich schrieb die Quelle in die Kommentare, was bei mittlerweile schon mehr als 2.000 Anmerkungen zu meiner Grafik denselben Effekt hatte, wie meinen Katzen zu verbieten, im Bett zu schlafen. Au\u00dferdem wendete ich mich per E-Mail an den Sender und erkl\u00e4rte ihnen die Sache mit dem Urheberrecht und wollte mich diesbez\u00fcglich mit ihnen einigen. Drei Tage sp\u00e4ter erhielt ich eine Antwort, die mit dem Satz \u201eNichts f\u00fcr ungut.\u201c begann und im Grunde auch so endete.<\/p>\n<p>Das war das erste Mal, dass ich mein Nettsein pausieren lie\u00df und Menschen beauftragte, in meinem Auftrag zwar nicht direkt unnett zu sein, aber zumindest ein solches Verhalten nicht peinlich ber\u00fchrt zu ignorieren.<\/p>\n<p>Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Vor meinem geistigen Auge sah ich Heerscharen von Piraten vor meiner Wohnung gegen die Contentmonopolistin Katja \u201ethe SOPA\u201c Berlin demonstrieren, die mit ihrer kruden Vorstellung von geistigem Eigentum der freien Informationsgesellschaft Steine in den Weg legt. Ich wollte nicht so sein. Andererseits achte und sch\u00e4tze ich das Urheberrecht und konnte mich zudem aus meiner moralischen Bredouille retten, indem ich mir sagte, dass ich es hier nicht mit einem unh\u00f6flichen Twitterer, sondern mit einem gro\u00dfen Medienkonzern zu tun habe, der im umgekehrten Falle sicherlich auch nicht nett geblieben w\u00e4re.<\/p>\n<p>Leider wiederholte sich dieser Fall bislang viermal in diesem Ausma\u00dfe und nur ein einziger kommerzieller Anbieter entschuldigte sich f\u00fcr diesen Fehler und zahlte mir f\u00fcr die Nutzung meiner Grafik Lizenzgeb\u00fchren ohne den unerfreulichen Umweg \u00fcber Anw\u00e4lte gehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mein Versuch, nett zu sein, h\u00f6rte hiermit gegen\u00fcber kommerziellen Anbietern auf. Aber es blieben ja noch gr\u00f6\u00dfere nicht- oder semi-kommerzielle Anbieter. Als Testobjekt r\u00fcckte nun eine sehr kleine westdeutsche Stadtzeitung in mein Blickfeld, wiederum ein Hinweis eines Bloglesers. Auch hier die Ausgangslage, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe auf der Facebookseite gepostet wurde.<\/p>\n<p>Ich schrieb dem Chefredakteur eine E-Mail, indem ich ihn \u00fcber mein Urheberrecht in Kenntnis setzte, ihm mitteilte, dass ich keine Anw\u00e4lte einschalten werde und ihm eine Rechnung \u00fcber eine kleine Lizenzgeb\u00fchr in Aussicht stellte. In seiner ersten Mail schrieb er, dass er ja nicht wusste, dass die Grafik von mir sei* und ich selber schuld sei, weil ich keinen Copyrighthinweis auf das Bild gesetzt habe. Auf meine zweite, etwas weniger nette Mail kam die Antwort: \u201ewenn es denn um eine entschuldigung geht &#8211; bittesch\u00f6n, hiermit entschuldigen wir uns.\u201c.<\/p>\n<p>Damit war die Sache f\u00fcr mich erledigt. Manchmal reicht ja auch einfach eine liebevolle, von Herzen kommende Entschuldigung, um sich g\u00fctlich zu einigen. Netten Menschen kann man einfach nichts abschlagen.<\/p>\n<p>Dass ich gestern den Test nun doch komplett abbrechen musste, lag an einer nicht-kommerziellen Facebookseite mit sehr, sehr vielen Fans, die Fotos und Texte postet. Ich bekam mal wieder den Hinweis, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe gepostet wurde. Also habe ich das getan, was ich auch schon bei dem ersten Fernsehsender getan habe: Ich schrieb die Quelle in die Kommentare und bat h\u00f6flich darum, zuk\u00fcnftig unseren Inhalt einfach zu sharen oder zu verlinken. Drei Stunden sp\u00e4ter war mein Kommentar gel\u00f6scht.<\/p>\n<p>Damit war mein Experiment gescheitert. Ich habe die Urheberrechtsverletzung Facebook gemeldet, das den Inhalt mittlerweile entfernt hat. Das war nicht nett, aber ich hatte keine Lust mehr.<\/p>\n<p><em>Ergebnisse meines Experimentes:<\/em><\/p>\n<ol>\n<li><em> <\/em><em>Zum Gl\u00fcck ist der \u00fcberwiegende Teil des Internets immer noch nett. S\u00e4mtliche Hinweise auf geklaute Grafiken stammten von Blogleserinnen und -lesern, denen es ebenso missf\u00e4llt, wenn fremde Inhalte ohne Quellenangabe gepostet werden. Dem kleinen weniger netten Teil w\u00fcnsche ich keine Netzsperren, sondern fies juckenden Ausschlag.<\/em><\/li>\n<li><em> <\/em><em>Urheberrechtsverletzungen sind die eine Sache. Die k\u00f6nnen einem durchaus mal durch Unwissenheit, Faulheit oder Unorganisiertheit passieren. Meistens steckt ja kein b\u00f6ser Wille dahinter. Eine andere Sache jedoch ist es, wie bei einem netten Hinweis damit umgegangen wird. Die Tatsache, dass sich nur ein einziger Anbieter bei mir ernsthaft entschuldigt und sein Fehlverhalten umstandlos eingesehen hat, hat mich entt\u00e4uscht.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><em> <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Alle Titel meiner Grafiken f\u00fchren bei einer einfachen Googlesuche aufs Blog, ge\u00fcbte Journalisten k\u00f6nnten die Quelle also durchaus recherchieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als durchaus experimentierfreudiger Mensch habe ich einen Versuch gestartet, der ungew\u00f6hnliche Wege beschritt und so umfassend scheiterte, dass ich ihn aufschreiben musste: Ich war nett im Internet. Ge\u00fcbte User werden nun die H\u00e4nde \u00fcber den Kof zusammenschlagen und ob meiner Naivit\u00e4t um Fassung ringen, aber ich wollte es nicht unversucht lassen. Seit 2010 entwerfe ich mal mehr, mal weniger lustige Grafiken und stelle sie in das Graphitti-Blog. Aus dem Blog wurde ein Buch, ein kreatives Spa\u00dfprojekt bleibt es dennoch. 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Das Bild war eine meiner Grafiken und ich schrieb dem Twitterer in einem nicht unfreundlichen Ton, dass es h\u00f6flicher w\u00e4re, nicht so zu tun als sei das Bild von ihm, sondern die Quelle anzugeben. Seine Reaktion fiel anders als erwartet aus. Statt sich zu entschuldigen, den Fehler zu korrigieren oder mich wenigstens peinlich ber\u00fchrt zu ignorieren, warf er mir vor, es sei meine eigene Schuld, wenn ich keine Wasserzeichen auf meine Bilder setze und dieser Meinung folgten auch alle anderen, die diese Konversation lasen und kommentierten. Meine Nettsein-Strategie wurde davon nicht ber\u00fchrt, ich schob es auf eine besonders hohe Trotteldichte am sp\u00e4ten Abend auf Twitter und als sich \u00e4hnliche Geschichten wiederholten, ignorierte ich diese einfach peinlich ber\u00fchrt. Dann, im Dezember letzten Jahres, machten mich Leser unseres Blogs darauf aufmerksam, dass auf der Facebookseite eines Fernsehsenders eine meiner Grafiken gepostet worden war, ebenfalls ohne Quellenangabe. Ich schrieb die Quelle in die Kommentare, was bei mittlerweile schon mehr als 2.000 Anmerkungen zu meiner Grafik denselben Effekt hatte, wie meinen Katzen zu verbieten, im Bett zu schlafen. Au\u00dferdem wendete ich mich per E-Mail an den Sender und erkl\u00e4rte ihnen die Sache mit dem Urheberrecht und wollte mich diesbez\u00fcglich mit ihnen einigen. Drei Tage sp\u00e4ter erhielt ich eine Antwort, die mit dem Satz \u201eNichts f\u00fcr ungut.\u201c begann und im Grunde auch so endete. Das war das erste Mal, dass ich mein Nettsein pausieren lie\u00df und Menschen beauftragte, in meinem Auftrag zwar nicht direkt unnett zu sein, aber zumindest ein solches Verhalten nicht peinlich ber\u00fchrt zu ignorieren. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. 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Mein Versuch, nett zu sein, h\u00f6rte hiermit gegen\u00fcber kommerziellen Anbietern auf. Aber es blieben ja noch gr\u00f6\u00dfere nicht- oder semi-kommerzielle Anbieter. Als Testobjekt r\u00fcckte nun eine sehr kleine westdeutsche Stadtzeitung in mein Blickfeld, wiederum ein Hinweis eines Bloglesers. Auch hier die Ausgangslage, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe auf der Facebookseite gepostet wurde. Ich schrieb dem Chefredakteur eine E-Mail, indem ich ihn \u00fcber mein Urheberrecht in Kenntnis setzte, ihm mitteilte, dass ich keine Anw\u00e4lte einschalten werde und ihm eine Rechnung \u00fcber eine kleine Lizenzgeb\u00fchr in Aussicht stellte. In seiner ersten Mail schrieb er, dass er ja nicht wusste, dass die Grafik von mir sei* und ich selber schuld sei, weil ich keinen Copyrighthinweis auf das Bild gesetzt habe. Auf meine zweite, etwas weniger nette Mail kam die Antwort: \u201ewenn es denn um eine entschuldigung geht &#8211; bittesch\u00f6n, hiermit entschuldigen wir uns.\u201c. Damit war die Sache f\u00fcr mich erledigt. Manchmal reicht ja auch einfach eine liebevolle, von Herzen kommende Entschuldigung, um sich g\u00fctlich zu einigen. Netten Menschen kann man einfach nichts abschlagen. Dass ich gestern den Test nun doch komplett abbrechen musste, lag an einer nicht-kommerziellen Facebookseite mit sehr, sehr vielen Fans, die Fotos und Texte postet. Ich bekam mal wieder den Hinweis, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe gepostet wurde. Also habe ich das getan, was ich auch schon bei dem ersten Fernsehsender getan habe: Ich schrieb die Quelle in die Kommentare und bat h\u00f6flich darum, zuk\u00fcnftig unseren Inhalt einfach zu sharen oder zu verlinken. Drei Stunden sp\u00e4ter war mein Kommentar gel\u00f6scht. Damit war mein Experiment gescheitert. Ich habe die Urheberrechtsverletzung Facebook gemeldet, das den Inhalt mittlerweile entfernt hat. Das war nicht nett, aber ich hatte keine Lust mehr. Ergebnisse meines Experimentes: Zum Gl\u00fcck ist der \u00fcberwiegende Teil des Internets immer noch nett. S\u00e4mtliche Hinweise auf geklaute Grafiken stammten von Blogleserinnen und -lesern, denen es ebenso missf\u00e4llt, wenn fremde Inhalte ohne Quellenangabe gepostet werden. Dem kleinen weniger netten Teil w\u00fcnsche ich keine Netzsperren, sondern fies juckenden Ausschlag. Urheberrechtsverletzungen sind die eine Sache. Die k\u00f6nnen einem durchaus mal durch Unwissenheit, Faulheit oder Unorganisiertheit passieren. Meistens steckt ja kein b\u00f6ser Wille dahinter. Eine andere Sache jedoch ist es, wie bei einem netten Hinweis damit umgegangen wird. Die Tatsache, dass sich nur ein einziger Anbieter bei mir ernsthaft entschuldigt und sein Fehlverhalten umstandlos eingesehen hat, hat mich entt\u00e4uscht. &nbsp; * Alle Titel meiner Grafiken f\u00fchren bei einer einfachen Googlesuche aufs Blog, ge\u00fcbte Journalisten k\u00f6nnten die Quelle also durchaus recherchieren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-213","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=213"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":216,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/213\/revisions\/216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}