{"id":245,"date":"2012-10-27T16:24:39","date_gmt":"2012-10-27T14:24:39","guid":{"rendered":"http:\/\/katjadittrich.de\/?p=245"},"modified":"2012-10-27T16:24:54","modified_gmt":"2012-10-27T14:24:54","slug":"anleitung-zum-aufregen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katjadittrich.de\/?p=245","title":{"rendered":"Anleitung zum Aufregen"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt macht es uns immer schwerer, sich aufzuregen. Man versteht ja immer weniger. Was es genau mit der Eurokrise und -rettung auf sich hat, wie das jetzt mit China und seinen Dissidenten ist oder die gottverdammte Klimakatastrophe: Alles viel zu komplex f\u00fcr einen wohl verdienten Aufreger zwischendurch.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise bietet uns der Alltag andere M\u00f6glichkeiten, um die schlaffen Emotionen in Wallung zu bringen, im besten Falle sogar in Verbindung mit einem wohl verdienten \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl. Wor\u00fcber und vor allem wie man sich als Mensch von Welt am besten aufregt, zeigt folgende \u00dcbersicht.<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Klatschen im Flugzeug<\/strong><\/p>\n<p>Man kennt das: Kaum ist das Flugzeug \u2013 oder wie wir sagen, der Flieger \u2013 gelandet, fangen die anderen Passagiere an zu klatschen. ZU KLATSCHEN! Wie die Tiere!<br \/>\nMan m\u00f6chte der Stewardess das Mikrofon aus der Hand rei\u00dfen und dem Plebs erkl\u00e4ren, dass der Pilotenjob eine Landung nun mal beinhaltet und sie ja wohl auch nicht applaudieren, wenn der Busfahrer sie heil zum Arbeitsamt gebracht hat. Die korrekte Reaktion allerdings ist es, mit hochgezogenen Augenbrauen sein Umfeld zu scannen, um jemanden zu finden, der genauso denkt. Findet man jemanden, zieht man die Augenbrauen als Zeichen des gegenseitigen Erkennens noch ein St\u00fcckchen h\u00f6her und feiert diesen kleinen Erfolg mit einem Seufzer.<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>2. Dicke Menschen <\/strong><\/p>\n<p>Wenig bietet so viel Aufregungspotenzial wie dicke Leute. Au\u00dfer vielleicht dicke Leute, die in der \u00d6ffentlichkeit essen oder dicke Leute in Leggings \u2013 denkbar ist auch der schlimmst m\u00f6gliche Fall: dicke Leute in Leggings, die in der \u00d6ffentlichkeit essen. Es ist eine einzige Provokation. Diese Menschen laufen rum und nehmen Nahrung zu sich, ganz so als w\u00fcssten sie \u00fcberhaupt nicht, dass sie fett sind. Hier m\u00f6chte man nat\u00fcrlich sofort einschreiten und ihnen ein \u201eSie sollten sich was sch\u00e4men!\u201c oder \u201eM\u00fcssen Sie etwa immer noch essen?\u201c zuraunen, aber man ist ja kein Unmensch. In dem Fall ist es \u00e4u\u00dferst hilfreich, eine Begleitung zu haben, der man sein Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber mitteilen kann. Ansonsten tun es auch missbilligende Blicke.<\/p>\n<p><strong>3. Englisch im ICE<\/strong><\/p>\n<p>Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft ist der vereinte \u00c4rger \u00fcber die Bahn. Versp\u00e4tungen, Zugausf\u00e4lle und erst diese Ticketpreise!<br \/>\nDas alles w\u00e4re aber noch zu verkraften, w\u00fcrde der Bahnchef endlich seine Mitarbeiter zu Sprachkursen verpflichten. Man blamiert sich fast zu Tode, wenn das Zugpersonal mitreisenden Touristen nicht die Umsteigem\u00f6glichkeiten auf Englisch erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Das Schlimmste aber sind die Zugdurchsagen. Wie peinlich die schlechte Aussprache des \u201eThank you for travelling with Deutsche Bahn.\u201c war und erst das \u201eWe wish you a pleasant journey.\u201c. Es klingt, als w\u00e4ren wir ein Volk von Primitivlingen, die amerikanische Serie in synchronisierter Fassung gucken! Hier\u00fcber herrscht im Gro\u00dfraumabteil zum Gl\u00fcck immer Einigkeit, man kann nach einer solchen Durchsage also ruhig ver\u00e4chtlich auflachen und sich der Solidarit\u00e4t der Mitreisenden sicher sein.<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>4. Gegenderte Texte<\/strong><\/p>\n<p>Gesellschaftlicher Wandel gut und sch\u00f6n, aber doch nicht zu Lasten unserer Sprache! Ein \u201eMitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger\u201c am Anfang eines Textes ist noch zu verkraften, alles andere ist Sprachverhunzung und verletzt unseren Sinn f\u00fcr \u00c4sthetik. Wenn es in einem Artikel im Handelsblatt um Aufsichtsr\u00e4te geht, ist es doch wohl jedem klar, dass damit auch Frauen gemeint sind.<br \/>\nIn diesem Fall hilft nur aktive Sprachpflege: Leserbriefe und Blogkommentare zu jedem gegenderten Text, au\u00dferdem h\u00f6hnisches Lachen und missbilligendes Kopfsch\u00fctteln.<strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>5. Omas mit M\u00fcnzgeld<\/strong><\/p>\n<p>Superm\u00e4rkte sind voller alter Menschen mit M\u00fcnzgeld. Alte Menschen sind sowieso eine Zumutung, hat man aber das Pech hinter so jemandem an der Kasse zu stehen, sind sie eine Zumutung, die Lebenszeit kostet. Es ist \u00fcberhaupt nicht einzusehen, weshalb Rentner ihre Eink\u00e4ufe nicht zwischen 11.30 und 12.30 Uhr erledigen k\u00f6nnen, sondern Berufst\u00e4tigen im Weg stehen m\u00fcssen. Dazu kommt, dass ihnen das Prinzip EC-Karte immer noch nicht gel\u00e4ufig ist und sie ihre \u00c4pfel und Kommi\u00dfbrot mit M\u00fcnzgeld bezahlen wollen. Zittrige Omah\u00e4nde in Verbindung mit grauem Star \u2013 eine einzige Anma\u00dfung! F\u00fcr jede zehn Sekunden, die sie in ihrem M\u00fcnzfach kramen, darf man als Wartender einmal aufseufzen, ruhig auch etwas lauter, man bedenke die Altersschwerh\u00f6rigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt macht es uns immer schwerer, sich aufzuregen. Man versteht ja immer weniger. Was es genau mit der Eurokrise und -rettung auf sich hat, wie das jetzt mit China und seinen Dissidenten ist oder die gottverdammte Klimakatastrophe: Alles viel zu komplex f\u00fcr einen wohl verdienten Aufreger zwischendurch. Gl\u00fccklicherweise bietet uns der Alltag andere M\u00f6glichkeiten, um die schlaffen Emotionen in Wallung zu bringen, im besten Falle sogar in Verbindung mit einem wohl verdienten \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl. Wor\u00fcber und vor allem wie man sich als Mensch von Welt am besten aufregt, zeigt folgende \u00dcbersicht. 1. Klatschen im Flugzeug Man kennt das: Kaum ist das Flugzeug \u2013 oder wie wir sagen, der Flieger \u2013 gelandet, fangen die anderen Passagiere an zu klatschen. ZU KLATSCHEN! Wie die Tiere! Man m\u00f6chte der Stewardess das Mikrofon aus der Hand rei\u00dfen und dem Plebs erkl\u00e4ren, dass der Pilotenjob eine Landung nun mal beinhaltet und sie ja wohl auch nicht applaudieren, wenn der Busfahrer sie heil zum Arbeitsamt gebracht hat. Die korrekte Reaktion allerdings ist es, mit hochgezogenen Augenbrauen sein Umfeld zu scannen, um jemanden zu finden, der genauso denkt. Findet man jemanden, zieht man die Augenbrauen als Zeichen des gegenseitigen Erkennens noch ein St\u00fcckchen h\u00f6her und feiert diesen kleinen Erfolg mit einem Seufzer. 2. Dicke Menschen Wenig bietet so viel Aufregungspotenzial wie dicke Leute. Au\u00dfer vielleicht dicke Leute, die in der \u00d6ffentlichkeit essen oder dicke Leute in Leggings \u2013 denkbar ist auch der schlimmst m\u00f6gliche Fall: dicke Leute in Leggings, die in der \u00d6ffentlichkeit essen. Es ist eine einzige Provokation. Diese Menschen laufen rum und nehmen Nahrung zu sich, ganz so als w\u00fcssten sie \u00fcberhaupt nicht, dass sie fett sind. Hier m\u00f6chte man nat\u00fcrlich sofort einschreiten und ihnen ein \u201eSie sollten sich was sch\u00e4men!\u201c oder \u201eM\u00fcssen Sie etwa immer noch essen?\u201c zuraunen, aber man ist ja kein Unmensch. In dem Fall ist es \u00e4u\u00dferst hilfreich, eine Begleitung zu haben, der man sein Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber mitteilen kann. Ansonsten tun es auch missbilligende Blicke. 3. Englisch im ICE Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft ist der vereinte \u00c4rger \u00fcber die Bahn. Versp\u00e4tungen, Zugausf\u00e4lle und erst diese Ticketpreise! Das alles w\u00e4re aber noch zu verkraften, w\u00fcrde der Bahnchef endlich seine Mitarbeiter zu Sprachkursen verpflichten. Man blamiert sich fast zu Tode, wenn das Zugpersonal mitreisenden Touristen nicht die Umsteigem\u00f6glichkeiten auf Englisch erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Das Schlimmste aber sind die Zugdurchsagen. Wie peinlich die schlechte Aussprache des \u201eThank you for travelling with Deutsche Bahn.\u201c war und erst das \u201eWe wish you a pleasant journey.\u201c. Es klingt, als w\u00e4ren wir ein Volk von Primitivlingen, die amerikanische Serie in synchronisierter Fassung gucken! Hier\u00fcber herrscht im Gro\u00dfraumabteil zum Gl\u00fcck immer Einigkeit, man kann nach einer solchen Durchsage also ruhig ver\u00e4chtlich auflachen und sich der Solidarit\u00e4t der Mitreisenden sicher sein. 4. Gegenderte Texte Gesellschaftlicher Wandel gut und sch\u00f6n, aber doch nicht zu Lasten unserer Sprache! Ein \u201eMitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger\u201c am Anfang eines Textes ist noch zu verkraften, alles andere ist Sprachverhunzung und verletzt unseren Sinn f\u00fcr \u00c4sthetik. Wenn es in einem Artikel im Handelsblatt um Aufsichtsr\u00e4te geht, ist es doch wohl jedem klar, dass damit auch Frauen gemeint sind. In diesem Fall hilft nur aktive Sprachpflege: Leserbriefe und Blogkommentare zu jedem gegenderten Text, au\u00dferdem h\u00f6hnisches Lachen und missbilligendes Kopfsch\u00fctteln. 5. Omas mit M\u00fcnzgeld Superm\u00e4rkte sind voller alter Menschen mit M\u00fcnzgeld. Alte Menschen sind sowieso eine Zumutung, hat man aber das Pech hinter so jemandem an der Kasse zu stehen, sind sie eine Zumutung, die Lebenszeit kostet. Es ist \u00fcberhaupt nicht einzusehen, weshalb Rentner ihre Eink\u00e4ufe nicht zwischen 11.30 und 12.30 Uhr erledigen k\u00f6nnen, sondern Berufst\u00e4tigen im Weg stehen m\u00fcssen. Dazu kommt, dass ihnen das Prinzip EC-Karte immer noch nicht gel\u00e4ufig ist und sie ihre \u00c4pfel und Kommi\u00dfbrot mit M\u00fcnzgeld bezahlen wollen. Zittrige Omah\u00e4nde in Verbindung mit grauem Star \u2013 eine einzige Anma\u00dfung! 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