{"id":271,"date":"2013-04-30T09:31:27","date_gmt":"2013-04-30T07:31:27","guid":{"rendered":"http:\/\/katjadittrich.de\/?p=271"},"modified":"2013-04-30T09:31:27","modified_gmt":"2013-04-30T07:31:27","slug":"in-der-nahrungskette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katjadittrich.de\/?p=271","title":{"rendered":"In der Nahrungskette"},"content":{"rendered":"<p>St\u00e4dte ver\u00e4ndern sich. Das ist ihr Wesen. W\u00fcrden St\u00e4dte sich nicht ver\u00e4ndern, hie\u00dfen sie M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen sind ja an sich zumeist eine gute Sache. Ich sch\u00e4tze es sehr, dass wir nicht mehr Frauen als Hexen verbrennen, in H\u00f6hlen leben oder W\u00e4hlscheibentelefone benutzen. Aber die meisten gro\u00dfartigen Ver\u00e4nderungen haben ihren Preis. Smartphones zum Beispiel sind gro\u00dfartig, in Sachen Lebensdauer den W\u00e4hlscheibentelefonen aber deutlich unterlegen. Au\u00dferdem hat noch nie jemand im Restaurant das Gespr\u00e4ch unterbrochen, um auf sein W\u00e4hlscheibentelefon zu gucken.<\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze auch die allermeisten Ver\u00e4nderungen in Teilen Berlins*. Sie verliefen in den letzten Jahren etwas rasanter als in anderen St\u00e4dten, es gab so viel nachzuholen. Die Stadt insgesamt ist offener und bunter geworden, sch\u00f6ner und aufregender als meine alte Heimat Westberlin.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte also gut einen langen Text dar\u00fcber schreiben, wie sehr sich Berlin zum Positiven entwickelt hat, aber wir sind hier im Internet, da muss man motzen und jammern. In dem Fall wird es mir zurzeit ziemlich leicht gemacht, denn der Preis f\u00fcr die positive Ver\u00e4nderung ist ganz konkret in Euro pro Quadratmeter auszurechnen.<\/p>\n<p>In Berlin hat man schon immer gerne \u00fcber die Mietpreise gesprochen. Ganz fr\u00fcher dar\u00fcber, wie g\u00fcnstig man hier wohnen kann, sp\u00e4ter dar\u00fcber, dass die Preise nun doch anziehen und mittlerweile wird das Gespr\u00e4ch immer h\u00e4ufiger von einem entsetzten Kopfsch\u00fctteln unterbrochen. Man fragt sich, wo es eigentlich diese Jobs gibt, von denen man die neuen Mieten zahlen kann und man stellt fest, dass das b\u00f6seste F-Wort in Berlin nicht f\u00fcr sexuelle Handlungen steht, sondern f\u00fcr Ferienwohnungen.<\/p>\n<p>Das Problem ist hinreichend bekannt und es wird zumindest so getan als arbeite man an L\u00f6sungen. Aber diese Entwicklung hat einen Aspekt, \u00fcber den man selten spricht: Man wird dabei selbst zum Arsch. Denn wer nicht selbst in die Au\u00dfenbezirke ziehen m\u00f6chte, sorgt zumindest indirekt daf\u00fcr, dass andere das tun m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Aus meiner letzten Wohnung in einer beliebten Gegend in Mitte musste ich vor einem Jahr ausziehen, nachdem das Haus von einer schwedischen Investmentgesellschaft gekauft wurde. Es wurde umgehend luxusmodernisiert \u2013 nat\u00fcrlich unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung, die von Mieterinnen und Mietern zu einem gro\u00dfen Teil selbst bezahlt werden muss. Diese Wohnung findet man zurzeit in den gro\u00dfen Immobilienportalen zur Vermietung ausgeschrieben, die Kaltmiete wurde exakt um 100 % erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Mit mir mussten u. a. zwei junge Familien und drei \u00e4ltere Ehepaare aus dem Haus ausziehen, in dem einige schon seit 30 Jahren wohnten. Die meisten mussten den Bezirk verlassen, in Mitte kann man mit einer Ost-Rente nicht mehr viel anfangen.<\/p>\n<p>Interessenten f\u00fcr die neue Wohnung werden nun ein komplett leeres Haus besichtigen, in dem es noch keine Nachbarinnen oder Nachbarn, daf\u00fcr aber einen modernen Au\u00dfenfahrstuhl gibt. Ihnen wird bewusst sein, dass der Auszug aller vorherigen Mieterinnen und Mieter nicht freiwillig erfolgte.<\/p>\n<p>Da ich aus meiner jetzigen Wohnung wegen eines massiven Geb\u00e4udeproblems ausziehen muss, steht auch mir schon wieder ein Umzug bevor. Nat\u00fcrlich sind die Mieten innerhalb des letzten Jahres erneut angestiegen.<\/p>\n<p>Nach acht Jahren in Berlin Mitte werde ich daher voraussichtlich aus diesem Bezirk wegziehen. Er ist zu teuer geworden, aber auch zu homogen und langweilig. Ich pers\u00f6nlich bin nicht besonders traurig dar\u00fcber, Ver\u00e4nderung tut auch meinem Leben gut.<\/p>\n<p>Was mich jedoch traurig stimmt, ist meine Rolle als Wohnungssuchende. Ich werde die gestiegenen Mietpreise in anderen Bezirken zahlen k\u00f6nnen \u2013 im Gegensatz zu vielen anderen Alteingesessenen. Jetzt bin ich es, die leere, neu sanierte H\u00e4user im Wedding oder Tiergarten betritt und sich fragt, was mit den Vormietern passiert ist. Ob sie jetzt nach Spandau oder Marzahn ziehen mussten und was das eigentlich f\u00fcr eine Stadt bedeutet, wenn sich die Einwohner gegenseitig in die Peripherie verdr\u00e4ngen. Ob das nicht eine der wenigen Ver\u00e4nderungen ist, denen man so gar nichts Positives abgewinnen kann?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*Reinickendorf und Steglitz etwa sollten sich hier nicht angesprochen f\u00fchlen. Nein, ein, zwei neue Einkaufszentren z\u00e4hlen nicht zu den Ver\u00e4nderungen, die ich meine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St\u00e4dte ver\u00e4ndern sich. Das ist ihr Wesen. W\u00fcrden St\u00e4dte sich nicht ver\u00e4ndern, hie\u00dfen sie M\u00fcnchen. Ver\u00e4nderungen sind ja an sich zumeist eine gute Sache. Ich sch\u00e4tze es sehr, dass wir nicht mehr Frauen als Hexen verbrennen, in H\u00f6hlen leben oder W\u00e4hlscheibentelefone benutzen. Aber die meisten gro\u00dfartigen Ver\u00e4nderungen haben ihren Preis. Smartphones zum Beispiel sind gro\u00dfartig, in Sachen Lebensdauer den W\u00e4hlscheibentelefonen aber deutlich unterlegen. Au\u00dferdem hat noch nie jemand im Restaurant das Gespr\u00e4ch unterbrochen, um auf sein W\u00e4hlscheibentelefon zu gucken. Ich sch\u00e4tze auch die allermeisten Ver\u00e4nderungen in Teilen Berlins*. Sie verliefen in den letzten Jahren etwas rasanter als in anderen St\u00e4dten, es gab so viel nachzuholen. Die Stadt insgesamt ist offener und bunter geworden, sch\u00f6ner und aufregender als meine alte Heimat Westberlin. Ich k\u00f6nnte also gut einen langen Text dar\u00fcber schreiben, wie sehr sich Berlin zum Positiven entwickelt hat, aber wir sind hier im Internet, da muss man motzen und jammern. In dem Fall wird es mir zurzeit ziemlich leicht gemacht, denn der Preis f\u00fcr die positive Ver\u00e4nderung ist ganz konkret in Euro pro Quadratmeter auszurechnen. In Berlin hat man schon immer gerne \u00fcber die Mietpreise gesprochen. Ganz fr\u00fcher dar\u00fcber, wie g\u00fcnstig man hier wohnen kann, sp\u00e4ter dar\u00fcber, dass die Preise nun doch anziehen und mittlerweile wird das Gespr\u00e4ch immer h\u00e4ufiger von einem entsetzten Kopfsch\u00fctteln unterbrochen. Man fragt sich, wo es eigentlich diese Jobs gibt, von denen man die neuen Mieten zahlen kann und man stellt fest, dass das b\u00f6seste F-Wort in Berlin nicht f\u00fcr sexuelle Handlungen steht, sondern f\u00fcr Ferienwohnungen. Das Problem ist hinreichend bekannt und es wird zumindest so getan als arbeite man an L\u00f6sungen. Aber diese Entwicklung hat einen Aspekt, \u00fcber den man selten spricht: Man wird dabei selbst zum Arsch. Denn wer nicht selbst in die Au\u00dfenbezirke ziehen m\u00f6chte, sorgt zumindest indirekt daf\u00fcr, dass andere das tun m\u00fcssen. Aus meiner letzten Wohnung in einer beliebten Gegend in Mitte musste ich vor einem Jahr ausziehen, nachdem das Haus von einer schwedischen Investmentgesellschaft gekauft wurde. Es wurde umgehend luxusmodernisiert \u2013 nat\u00fcrlich unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung, die von Mieterinnen und Mietern zu einem gro\u00dfen Teil selbst bezahlt werden muss. Diese Wohnung findet man zurzeit in den gro\u00dfen Immobilienportalen zur Vermietung ausgeschrieben, die Kaltmiete wurde exakt um 100 % erh\u00f6ht. Mit mir mussten u. a. zwei junge Familien und drei \u00e4ltere Ehepaare aus dem Haus ausziehen, in dem einige schon seit 30 Jahren wohnten. Die meisten mussten den Bezirk verlassen, in Mitte kann man mit einer Ost-Rente nicht mehr viel anfangen. Interessenten f\u00fcr die neue Wohnung werden nun ein komplett leeres Haus besichtigen, in dem es noch keine Nachbarinnen oder Nachbarn, daf\u00fcr aber einen modernen Au\u00dfenfahrstuhl gibt. Ihnen wird bewusst sein, dass der Auszug aller vorherigen Mieterinnen und Mieter nicht freiwillig erfolgte. Da ich aus meiner jetzigen Wohnung wegen eines massiven Geb\u00e4udeproblems ausziehen muss, steht auch mir schon wieder ein Umzug bevor. Nat\u00fcrlich sind die Mieten innerhalb des letzten Jahres erneut angestiegen. Nach acht Jahren in Berlin Mitte werde ich daher voraussichtlich aus diesem Bezirk wegziehen. Er ist zu teuer geworden, aber auch zu homogen und langweilig. Ich pers\u00f6nlich bin nicht besonders traurig dar\u00fcber, Ver\u00e4nderung tut auch meinem Leben gut. Was mich jedoch traurig stimmt, ist meine Rolle als Wohnungssuchende. Ich werde die gestiegenen Mietpreise in anderen Bezirken zahlen k\u00f6nnen \u2013 im Gegensatz zu vielen anderen Alteingesessenen. Jetzt bin ich es, die leere, neu sanierte H\u00e4user im Wedding oder Tiergarten betritt und sich fragt, was mit den Vormietern passiert ist. Ob sie jetzt nach Spandau oder Marzahn ziehen mussten und was das eigentlich f\u00fcr eine Stadt bedeutet, wenn sich die Einwohner gegenseitig in die Peripherie verdr\u00e4ngen. Ob das nicht eine der wenigen Ver\u00e4nderungen ist, denen man so gar nichts Positives abgewinnen kann? &nbsp; *Reinickendorf und Steglitz etwa sollten sich hier nicht angesprochen f\u00fchlen. Nein, ein, zwei neue Einkaufszentren z\u00e4hlen nicht zu den Ver\u00e4nderungen, die ich meine.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-271","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=271"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":273,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/271\/revisions\/273"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/katjadittrich.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}