{"id":407,"date":"2014-05-09T12:05:21","date_gmt":"2014-05-09T10:05:21","guid":{"rendered":"http:\/\/katjadittrich.de\/?p=407"},"modified":"2014-05-09T12:05:21","modified_gmt":"2014-05-09T10:05:21","slug":"die-wahrheit-ueber-gesundbrunnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katjadittrich.de\/?p=407","title":{"rendered":"Die Wahrheit \u00fcber Gesundbrunnen"},"content":{"rendered":"<p>Seit Oktober letzten Jahres wohne ich im Wedding. Seit Ende Dezember wei\u00df ich, dass ich gar nicht im Wedding wohne, sondern in Gesundbrunnen. Mir war \u00fcberhaupt nicht bewusst, dass es seit der Bezirksreform einen eigenst\u00e4ndigen Ortsteil namens Gesundbrunnen gibt, der mit Wedding gar nichts mehr zu tun hat. Aber das ist ja auch erst seit 2001 so, ich konnte es als Berlinerin also gar nicht wissen. Mit Ver\u00e4nderungen haben wir es ja nicht so. Deshalb haben wir auch seit ungef\u00e4hr 1874 denselben B\u00fcrgermeister, dessen einzige nennenswerte Leistung darin besteht, unseren Flughafen Tegel zu erhalten.*<\/p>\n<p>Als mir dann durch Zufall plus Wikipedia klar wurde, dass ich \u00fcberhaupt nicht im Wedding, sondern in Gesundbrunnen wohne, war es zu sp\u00e4t. Ich hatte schon allen Freundinnen und Freunden gesagt, dass ich im Wedding wohne, nun wollte ich ihnen eine erneute Ver\u00e4nderung nicht zumuten.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem kennt auch \u00fcberhaupt niemand Gesundbrunnen. Nicht mal Anwohner. Alle blieben von der Bezirksreform v\u00f6llig unbeeindruckt im Wedding wohnen.<\/p>\n<p>Weil ich aber als Berlinerin nat\u00fcrlich sofort einen Kiezpatriotismus entwickelt habe, ist es nun an der Zeit, mit der Wahrheit herauszur\u00fccken.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berlin-Gesundbrunnen\" target=\"_blank\">Wikipe<\/a><a href=\"https:\/\/katjadittrich.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/20131019_174005.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-408 size-medium\" src=\"https:\/\/katjadittrich.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/20131019_174005-e1399629680241-225x300.jpg\" alt=\"20131019_174005\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/katjadittrich.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/20131019_174005-e1399629680241-225x300.jpg 225w, https:\/\/katjadittrich.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/20131019_174005-e1399629680241.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berlin-Gesundbrunnen\" target=\"_blank\">dia wei\u00df \u00fcber Gesundbrunnen<\/a>, dass er fast 90.000 Einwohner hat, davon knapp 60 % mit Migrationshintergrund, einen Umsteigebahnhof und einen sicheren hinteren Platz im Berliner Sozialatlas, dass es fr\u00fcher eine Heilquelle gab, dass Harald Juhnke hier aufwuchs und dass Hertha BSC hier ihren ersten festen Platz hatte. Der Ortsteil geh\u00f6rt zum Bezirk Mitte, grenzt an Prenzlauer Berg, Reinickendorf und Pankow. Zu Gesundbrunnen geh\u00f6ren u. a. das Brunnenviertel, der Soldiner Kiez, der Humboldthain und das Gebiet um die Reinickendorfer Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Was man sonst \u00fcber Gesundbrunnen liest, stammt meistens vom Polizeiticker. Seitdem ich hier wohne, habe ich bereits dreimal bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen Nachbarh\u00e4user st\u00fcrmen sehen. Ich f\u00fchle mich aber eigentlich immer sehr sicher, zumal vor meinem Haus st\u00e4ndig die Drogenfahndung steht, die das Studentenwohnheim gegen\u00fcber beobachtet.<\/p>\n<p>Und man muss ja auch versuchen, dem etwas Positives abzugewinnen: Daf\u00fcr habe ich in Gesundbrunnen noch nie eine Fahrradkontrolle erlebt. Keine Polizeistreife wird dich hier anhalten, weil du nicht genug Reflektoren am Fahrrad hast. Au\u00dferdem gibt es sowieso kaum Radfahrer. Radfahren auf der Prinzenallee oder auf der Badstra\u00dfe ist in etwa so sicher und so spa\u00dfig, wie eine laufende Kettens\u00e4ge zu umarmen. Die gro\u00dfz\u00fcgig angelegten Radwege wurden von den Gesundbrunnerern kurzerhand zu Parkstreifen umfunktioniert. Dadurch kann man jetzt in der dritten Spur parken, womit vielen Einwohnern ein Lebenstraum in Erf\u00fcllung gegangen ist.<\/p>\n<p>Gesundbrunnen hat drei Naherholungsgebiete: Die Panke, den Volkspark Humboldthain und das Gesundbrunnencenter.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob das allen schon aufgefallen ist. Das Gesundbrunnencenter sieht aus wie ein riesiges Passagierschiff. Ich stelle mir manchmal vor, wie wir uns dort bei der n\u00e4chsten Sintflut paarweise einfinden, um die Zeit bis nach dem Regen bei nanu nana zu vertr\u00f6deln.<\/p>\n<p>Wobei man als Anwohnerin gar keine Sintflut braucht, um im Gesundbrunnencenterschiff die Zeit zu vertr\u00f6deln.<\/p>\n<p>Die zwei gr\u00f6\u00dften und wichtigsten Gesch\u00e4fte im Gesundbrunnencenter sind Saturn und real. Dort h\u00e4lt sich immer ungef\u00e4hr ein Drittel der fast 90.000 Einwohner auf. Davon die meisten bei Saturn in der Handyabteilung. Dort ballt es sich, als g\u00e4be es in Gesundbrunnen nicht noch 5.000 andere Handygesch\u00e4fte. W\u00e4hrend ich mein altes, dauernd abst\u00fcrzendes Smartphone so lange behalte, bis es endg\u00fcltig kaputt geht, nur um mich nicht \u00fcber neue Handys informieren zu m\u00fcssen, ist genau das hier Volkssport. Alle gucken sich neue Handys an. St\u00e4ndig. Vermutlich sollte ich mich \u00fcber ein neues Ger\u00e4t gar nicht im Internet oder bei Verk\u00e4ufern informieren, sondern einfach in die Handyabteilungsbesuchermasse hineinrufen, welches sie mir denn empfehlen und diesem Rat blind vertrauen.<\/p>\n<p>Weitere Hauptattraktion im Saturn sind die Massagesessel. Im Obergeschoss des Gesundbrunnencenters stehen auch noch welche, aber da muss man Geld reinstecken, um sie zu benutzen. Bei Saturn kann man sie kostenlos ausprobieren. Jedes Mal, wenn ich im Saturn bin, sitzt dort eine komplette Familie auf den Sesseln und l\u00e4sst sich massieren. Als ich das zum ersten Mal sah, weckte das in mir ca. 32 verschiedene Gef\u00fchle. Einerseits ist das nat\u00fcrlich wahnsinnig komisch, andererseits aber auch r\u00fchrend und vor allem auch ein bisschen traurig, weil man sich ja durchaus sch\u00f6nere Familienausfl\u00fcge als zu den Saturnmassagesesseln vorstellen k\u00f6nnte \u2013 allerdings kosten die meisten davon eben auch Geld und in Berlin ist es wie bei Monopoly: Die Badstra\u00dfe hat den geringsten Wert.<\/p>\n<p>Nach Saturn geht man zu real. Dort kann man alles kaufen: Fernseher, Wasserkocher, Werkzeug, Turnschuhe, Lebensmittel und nat\u00fcrlich auch Handys. Es ist wie ein Einkaufszentrum im Einkaufszentrum. Was sofort auff\u00e4llt: An den Regalen stehen die Sortimentsbezeichnungen auf Deutsch und auf T\u00fcrkisch.<\/p>\n<p>In Prenzlauer Berg sind die Kinderg\u00e4rten zweisprachig, in Gesundbrunnen die Superm\u00e4rkte. Das ist eine geniale Form der Erwachsenenbildung. Ich muss nur noch ein paar Mal einkaufen gehen, um bei meiner n\u00e4chsten T\u00fcrkeireise sicher und fehlerfrei Knabbergeb\u00e4ck, Schokoriegel und Handstaubsauger bestellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste real aber noch einen Schritt weitergehen und die Regale auch auf Arabisch, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Portugiesisch, Hausa, Bambara, Amharisch, Chinesisch, Kisuaheli, Urdu, Polnisch und Russisch beschriften. Gesundbrunnen ist ja noch deutlich heterogener.<\/p>\n<p>Denn w\u00e4hrend es nebenan im Wedding schon Urban Gardening, amerikanische Micro Breweries, Cupcakel\u00e4den und Longboardshops gibt, hat die Gentrifizierung Gesundbrunnen wenn \u00fcberhaupt, dann bislang nur in hom\u00f6opathischer Dosierung ergriffen. Es gibt lediglich eine Handvoll netter Bars und Restaurants. Das war\u2019s.<\/p>\n<p>Zwar geh\u00f6ren nicht mehr alle Vollb\u00e4rte auf der Badstra\u00dfe zu alten M\u00e4nnern und nicht mehr alle Jutebeutel sind nur f\u00fcr den Transport von Lidl-Cola gedacht. Aber das ist okay. In Gesundbrunnen sind eh alle schei\u00dfe angezogen, da fallen ein paar Hipster und ein paar K\u00fcnstler auch nicht weiter auf. Noch hei\u00dft es hier jedenfalls deutlich h\u00e4ufiger <em>\u00e7ok g\u00fczel <\/em>als<em> nice.<\/em><\/p>\n<p>Zugegeben, Gesundbrunnens Charme erschlie\u00dft sich einem nicht auf Anhieb. Mit ihm verh\u00e4lt es sich so ein bisschen wie mit der Schinkelkirche am U-Bahnhof Pankstra\u00dfe, die von D\u00f6nerl\u00e4den, Matratzenoutlets und 1-\u20ac-Shops umzingelt wird: Sie f\u00e4llt nicht sofort auf, aber wenn man sie sucht, findet man sie schnell.<\/p>\n<p>Die h\u00e4ssliche 70erjahre-Architektur des Brunnenviertels garantiert die Durchmischung des Ortsteils bestimmt noch ein paar weitere Jahre. Und das ist auch gut. Nicht nur, weil wir Berlinerinnen und Berliner es nicht so mit Ver\u00e4nderungen haben, sondern vor allem, weil die Heterogenit\u00e4t den Gesundbrunnen so attraktiv macht und wenn wir mal von den paar Wohnungseinbr\u00fcchen und \u00dcberf\u00e4llen absehen, l\u00e4uft das Zusammenleben eigentlich viel harmonischer als uns der Polizeiticker weismachen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>* Sch\u00f6nefeld wird nur nicht fertig, weil wir das nicht wollen und nicht, weil wir das nicht k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Oktober letzten Jahres wohne ich im Wedding. Seit Ende Dezember wei\u00df ich, dass ich gar nicht im Wedding wohne, sondern in Gesundbrunnen. Mir war \u00fcberhaupt nicht bewusst, dass es seit der Bezirksreform einen eigenst\u00e4ndigen Ortsteil namens Gesundbrunnen gibt, der mit Wedding gar nichts mehr zu tun hat. Aber das ist ja auch erst seit 2001 so, ich konnte es als Berlinerin also gar nicht wissen. Mit Ver\u00e4nderungen haben wir es ja nicht so. Deshalb haben wir auch seit ungef\u00e4hr 1874 denselben B\u00fcrgermeister, dessen einzige nennenswerte Leistung darin besteht, unseren Flughafen Tegel zu erhalten.* Als mir dann durch Zufall plus Wikipedia klar wurde, dass ich \u00fcberhaupt nicht im Wedding, sondern in Gesundbrunnen wohne, war es zu sp\u00e4t. Ich hatte schon allen Freundinnen und Freunden gesagt, dass ich im Wedding wohne, nun wollte ich ihnen eine erneute Ver\u00e4nderung nicht zumuten. Au\u00dferdem kennt auch \u00fcberhaupt niemand Gesundbrunnen. Nicht mal Anwohner. Alle blieben von der Bezirksreform v\u00f6llig unbeeindruckt im Wedding wohnen. Weil ich aber als Berlinerin nat\u00fcrlich sofort einen Kiezpatriotismus entwickelt habe, ist es nun an der Zeit, mit der Wahrheit herauszur\u00fccken. Wikipedia wei\u00df \u00fcber Gesundbrunnen, dass er fast 90.000 Einwohner hat, davon knapp 60 % mit Migrationshintergrund, einen Umsteigebahnhof und einen sicheren hinteren Platz im Berliner Sozialatlas, dass es fr\u00fcher eine Heilquelle gab, dass Harald Juhnke hier aufwuchs und dass Hertha BSC hier ihren ersten festen Platz hatte. Der Ortsteil geh\u00f6rt zum Bezirk Mitte, grenzt an Prenzlauer Berg, Reinickendorf und Pankow. Zu Gesundbrunnen geh\u00f6ren u. a. das Brunnenviertel, der Soldiner Kiez, der Humboldthain und das Gebiet um die Reinickendorfer Stra\u00dfe. Was man sonst \u00fcber Gesundbrunnen liest, stammt meistens vom Polizeiticker. Seitdem ich hier wohne, habe ich bereits dreimal bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen Nachbarh\u00e4user st\u00fcrmen sehen. Ich f\u00fchle mich aber eigentlich immer sehr sicher, zumal vor meinem Haus st\u00e4ndig die Drogenfahndung steht, die das Studentenwohnheim gegen\u00fcber beobachtet. Und man muss ja auch versuchen, dem etwas Positives abzugewinnen: Daf\u00fcr habe ich in Gesundbrunnen noch nie eine Fahrradkontrolle erlebt. Keine Polizeistreife wird dich hier anhalten, weil du nicht genug Reflektoren am Fahrrad hast. Au\u00dferdem gibt es sowieso kaum Radfahrer. Radfahren auf der Prinzenallee oder auf der Badstra\u00dfe ist in etwa so sicher und so spa\u00dfig, wie eine laufende Kettens\u00e4ge zu umarmen. Die gro\u00dfz\u00fcgig angelegten Radwege wurden von den Gesundbrunnerern kurzerhand zu Parkstreifen umfunktioniert. Dadurch kann man jetzt in der dritten Spur parken, womit vielen Einwohnern ein Lebenstraum in Erf\u00fcllung gegangen ist. Gesundbrunnen hat drei Naherholungsgebiete: Die Panke, den Volkspark Humboldthain und das Gesundbrunnencenter. Ich wei\u00df nicht, ob das allen schon aufgefallen ist. Das Gesundbrunnencenter sieht aus wie ein riesiges Passagierschiff. Ich stelle mir manchmal vor, wie wir uns dort bei der n\u00e4chsten Sintflut paarweise einfinden, um die Zeit bis nach dem Regen bei nanu nana zu vertr\u00f6deln. Wobei man als Anwohnerin gar keine Sintflut braucht, um im Gesundbrunnencenterschiff die Zeit zu vertr\u00f6deln. Die zwei gr\u00f6\u00dften und wichtigsten Gesch\u00e4fte im Gesundbrunnencenter sind Saturn und real. Dort h\u00e4lt sich immer ungef\u00e4hr ein Drittel der fast 90.000 Einwohner auf. Davon die meisten bei Saturn in der Handyabteilung. Dort ballt es sich, als g\u00e4be es in Gesundbrunnen nicht noch 5.000 andere Handygesch\u00e4fte. W\u00e4hrend ich mein altes, dauernd abst\u00fcrzendes Smartphone so lange behalte, bis es endg\u00fcltig kaputt geht, nur um mich nicht \u00fcber neue Handys informieren zu m\u00fcssen, ist genau das hier Volkssport. Alle gucken sich neue Handys an. St\u00e4ndig. Vermutlich sollte ich mich \u00fcber ein neues Ger\u00e4t gar nicht im Internet oder bei Verk\u00e4ufern informieren, sondern einfach in die Handyabteilungsbesuchermasse hineinrufen, welches sie mir denn empfehlen und diesem Rat blind vertrauen. Weitere Hauptattraktion im Saturn sind die Massagesessel. Im Obergeschoss des Gesundbrunnencenters stehen auch noch welche, aber da muss man Geld reinstecken, um sie zu benutzen. Bei Saturn kann man sie kostenlos ausprobieren. Jedes Mal, wenn ich im Saturn bin, sitzt dort eine komplette Familie auf den Sesseln und l\u00e4sst sich massieren. Als ich das zum ersten Mal sah, weckte das in mir ca. 32 verschiedene Gef\u00fchle. Einerseits ist das nat\u00fcrlich wahnsinnig komisch, andererseits aber auch r\u00fchrend und vor allem auch ein bisschen traurig, weil man sich ja durchaus sch\u00f6nere Familienausfl\u00fcge als zu den Saturnmassagesesseln vorstellen k\u00f6nnte \u2013 allerdings kosten die meisten davon eben auch Geld und in Berlin ist es wie bei Monopoly: Die Badstra\u00dfe hat den geringsten Wert. Nach Saturn geht man zu real. Dort kann man alles kaufen: Fernseher, Wasserkocher, Werkzeug, Turnschuhe, Lebensmittel und nat\u00fcrlich auch Handys. Es ist wie ein Einkaufszentrum im Einkaufszentrum. Was sofort auff\u00e4llt: An den Regalen stehen die Sortimentsbezeichnungen auf Deutsch und auf T\u00fcrkisch. In Prenzlauer Berg sind die Kinderg\u00e4rten zweisprachig, in Gesundbrunnen die Superm\u00e4rkte. Das ist eine geniale Form der Erwachsenenbildung. Ich muss nur noch ein paar Mal einkaufen gehen, um bei meiner n\u00e4chsten T\u00fcrkeireise sicher und fehlerfrei Knabbergeb\u00e4ck, Schokoriegel und Handstaubsauger bestellen zu k\u00f6nnen. Eigentlich m\u00fcsste real aber noch einen Schritt weitergehen und die Regale auch auf Arabisch, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Portugiesisch, Hausa, Bambara, Amharisch, Chinesisch, Kisuaheli, Urdu, Polnisch und Russisch beschriften. Gesundbrunnen ist ja noch deutlich heterogener. Denn w\u00e4hrend es nebenan im Wedding schon Urban Gardening, amerikanische Micro Breweries, Cupcakel\u00e4den und Longboardshops gibt, hat die Gentrifizierung Gesundbrunnen wenn \u00fcberhaupt, dann bislang nur in hom\u00f6opathischer Dosierung ergriffen. Es gibt lediglich eine Handvoll netter Bars und Restaurants. Das war\u2019s. Zwar geh\u00f6ren nicht mehr alle Vollb\u00e4rte auf der Badstra\u00dfe zu alten M\u00e4nnern und nicht mehr alle Jutebeutel sind nur f\u00fcr den Transport von Lidl-Cola gedacht. Aber das ist okay. In Gesundbrunnen sind eh alle schei\u00dfe angezogen, da fallen ein paar Hipster und ein paar K\u00fcnstler auch nicht weiter auf. Noch hei\u00dft es hier jedenfalls deutlich h\u00e4ufiger \u00e7ok g\u00fczel als nice. Zugegeben, Gesundbrunnens Charme erschlie\u00dft sich einem nicht auf Anhieb. Mit ihm verh\u00e4lt es sich so ein bisschen wie mit der Schinkelkirche am U-Bahnhof Pankstra\u00dfe, die von D\u00f6nerl\u00e4den, Matratzenoutlets und 1-\u20ac-Shops umzingelt wird: Sie f\u00e4llt nicht sofort auf, aber wenn man sie sucht, findet man sie schnell. Die h\u00e4ssliche 70erjahre-Architektur des Brunnenviertels garantiert die Durchmischung des Ortsteils bestimmt noch ein paar weitere Jahre. Und das ist auch gut. 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