{"id":579,"date":"2018-11-24T15:42:26","date_gmt":"2018-11-24T13:42:26","guid":{"rendered":"http:\/\/katjadittrich.de\/?p=579"},"modified":"2018-11-24T17:10:46","modified_gmt":"2018-11-24T15:10:46","slug":"mit-maennern-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katjadittrich.de\/?p=579","title":{"rendered":"Mit M\u00e4nnern reden"},"content":{"rendered":"<p>Seit acht Jahren bin ich Autorin und verdiene mein Geld mit Humor. Das hei\u00dft, seit acht Jahren muss ich M\u00e4nnern best\u00e4tigen, dass ich davon leben kann. Diese M\u00e4nner sind jetzt nicht etwa mein Vermieter oder mein Bankberater. Nein, ich kenne diese M\u00e4nner nicht. Wenn ich zum Beispiel auf einer Geburtstagsparty in der K\u00fcche stehe und mit einem Mann, der dort am K\u00fchlschrank lehnt, ein Gespr\u00e4ch beginne, kommt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Frage, was ich denn eigentlich so mache. Dann habe ich im Schnitt noch 15 Sekunden Zeit ins Wohnzimmer zu fliehen, bis er mir die Anschlussfrage stellt: \u201eKannst du davon leben?\u201c. Ganz offensichtlich doch schon. Ich habe Puls und mein entnervtes St\u00f6hnen m\u00fcsste ihm verraten, dass auch meine Atmung noch funktioniert.<\/p>\n<p>\u201eKannst du davon leben?\u201c<\/p>\n<p>Was will er? Kontoausz\u00fcge? Von meinem Steuerberater beglaubigte Einkommensnachweise? Oder m\u00f6chte er mir heimlich einen Zwanni zustecken, wenn ich Nein sage?<\/p>\n<p>Versteht mich nicht falsch, ich geh\u00f6re zu den drei Deutschen, die \u00fcberhaupt keine Probleme damit haben, \u00fcber Geld zu reden. Aber eine Gehalts\u00fcberpr\u00fcfung durch einen fremden Mann mit 0,9 Promille, der an einem K\u00fchlschrank lehnt, das geht selbst mir zu weit.<\/p>\n<p>Neben diesen Finanzspezialisten gibt es noch die M\u00e4nner, die mich fragen, ob ich denn schon mal was ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tte. Ja, sie fragen nicht was, sondern ob. Ich meine, ich habe ihnen gerade gesagt, dass ich Autorin bin. Wer w\u00fcrde sich Autorin nennen, ohne jemals etwas ver\u00f6ffentlicht zu haben? Oder lasst es mich so formulieren: Wer \u00fcber 13 w\u00fcrde sich Autorin nennen, ohne jemals etwas ver\u00f6ffentlicht zu haben?<\/p>\n<p>Eine andere beliebte Frage von M\u00e4nnern, wenn sie h\u00f6ren, dass ich mit Humor mein Geld verdiene, lautet: \u201eWillst du nicht mal was Richtiges schreiben?\u201c. Das ist so deutsch, dass ich jetzt gerne sagen w\u00fcrde, dass das f\u00fcrchterlich deutsch ist, w\u00e4re es nicht gleicherma\u00dfen so f\u00fcrchterlich deutsch, darauf hinzuweisen.<\/p>\n<p>Lustige M\u00e4nner \u2013 ja, die gibt es. Es ist lediglich ein Ger\u00fccht, dass M\u00e4nner nicht witzig sind \u2013 lustige M\u00e4nner fragen das \u00fcbrigens nie. Die wissen, dass Humor harte Arbeit ist, die am Ende aber immerhin mit viel Geld und viel Sex belohnt wird.<\/p>\n<p>Etwas weniger lustige M\u00e4nner zeigen noch eine weitere Reaktion, wenn sie von meinem Beruf erfahren. Sie fragen, ob ich den schon kenne. Ja, sie erz\u00e4hlen mir tats\u00e4chlich einen Witz. Und nein, sie fragen nicht etwa, ob ich ihnen einen erz\u00e4hlen k\u00f6nne. Immerhin ist das ja mein Job. Was machen diese M\u00e4nner, wenn sie ein Date mit einer Anw\u00e4ltin haben? Zitieren sie aus dem BGB? Und singen sie f\u00fcr Kinderg\u00e4rtnerinnen das Lied vom Plumpsack? Und was machen sie bei Chirurginnen? Ach, ich will es gar nicht wissen.<\/p>\n<p>Es ist sogar schon dreimal vorgekommen, dass M\u00e4nner mir erst einen Witz erz\u00e4hlten und dann zu mir sagten, ich d\u00fcrfe diesen Witz auch gerne f\u00fcr meine Arbeit verwenden. Und wir reden hier nicht von geistreichen Bonmots, sondern von \u201eTreffen sich zwei J\u00e4ger, beide tot.\u201c.<\/p>\n<p>Wenn sie h\u00f6ren, dass ich Autorin bin, fragen einige M\u00e4nner auch sofort: \u201eF\u00fcr Kinderb\u00fccher?\u201c. Nichts gegen Kinder, einige meiner besten Freunde sind Kinder. Aber die Vorstellung, dass Frauen vor allem f\u00fcr Kinder schreiben m\u00f6chten, ist dann absurd, wenn der Mann nicht gerade aus einer Zeitkapsel gestiegen ist, in der er seit 65 Jahren auf Trockeneis lag und zwar ohne Internetanschluss.<\/p>\n<p>Aber ich mache hier Witze \u00fcber die Fragen der M\u00e4nner, dabei sind das noch die interessanteren Begegnungen, immerhin m\u00f6chten sie etwas von mir wissen (auch wenn es nur mein Kontostand ist). Das ist n\u00e4mlich nicht die Regel. Ich wei\u00df nicht, ob das anderen Frauen auch so geht, aber bei mir l\u00e4uft das Kennenlernen h\u00e4ufig so ab, dass ich die Rolle der Moderatorin \u00fcbernehmen muss, deren Aufgabe es ist, den Gast \u00fcber sein Leben, seinen Beruf, seine Interessen und den Namen seiner Geschwister zu interviewen.<\/p>\n<p>Mittlerweile h\u00f6re ich in solchen Situationen aber ungef\u00e4hr nach der vierten Frage ohne Gegenfrage damit auf und genie\u00dfe die einsetzende Stille. Ich hatte diesen Sommer ein Date, bei dem genau das passierte und er nach ein paar Minuten des sich gegenseitigen Anschweigens dann doch irgendwann auf die Frage kam, was ich denn eigentlich so mache. Als ich ihm sagte, dass ich Kolumnen schreibe, wurde er aber wieder munter. Denn wie der Zufall es wollte, hatte er auch mal eine Kolumne geschrieben. Vor zehn Jahren. Und zwar in einem ungarischen Satiremagazin, dessen Namen an einen ebenfalls ungarischen Film angelehnt war, dessen Inhalt er mir nun in Echtzeit nacherz\u00e4hlte. Das schien ihm interessanter zu sein als alles, was ich noch \u00fcber mich h\u00e4tte erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei sagte ich schon extra nicht, dass ich B\u00fccher schreibe, denn dann passiert immer Folgendes: Mein Gegen\u00fcber erz\u00e4hlt mir sofort im Anschluss von seinem Buch und zwar in allen Einzelheiten, fast so als w\u00fcrde er es mir vorlesen. Und mit \u201eBuch\u201c ist in der Regel der unfertige Roman gemeint, an dem er seit vier Jahren arbeitet.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re mir das in der Regel geduldig an und stelle ihm dann am Ende die alles entscheidende Frage: \u201eMeinst du, du wirst davon leben k\u00f6nnen?\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit acht Jahren bin ich Autorin und verdiene mein Geld mit Humor. 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Versteht mich nicht falsch, ich geh\u00f6re zu den drei Deutschen, die \u00fcberhaupt keine Probleme damit haben, \u00fcber Geld zu reden. Aber eine Gehalts\u00fcberpr\u00fcfung durch einen fremden Mann mit 0,9 Promille, der an einem K\u00fchlschrank lehnt, das geht selbst mir zu weit. Neben diesen Finanzspezialisten gibt es noch die M\u00e4nner, die mich fragen, ob ich denn schon mal was ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tte. Ja, sie fragen nicht was, sondern ob. Ich meine, ich habe ihnen gerade gesagt, dass ich Autorin bin. Wer w\u00fcrde sich Autorin nennen, ohne jemals etwas ver\u00f6ffentlicht zu haben? Oder lasst es mich so formulieren: Wer \u00fcber 13 w\u00fcrde sich Autorin nennen, ohne jemals etwas ver\u00f6ffentlicht zu haben? Eine andere beliebte Frage von M\u00e4nnern, wenn sie h\u00f6ren, dass ich mit Humor mein Geld verdiene, lautet: \u201eWillst du nicht mal was Richtiges schreiben?\u201c. Das ist so deutsch, dass ich jetzt gerne sagen w\u00fcrde, dass das f\u00fcrchterlich deutsch ist, w\u00e4re es nicht gleicherma\u00dfen so f\u00fcrchterlich deutsch, darauf hinzuweisen. Lustige M\u00e4nner \u2013 ja, die gibt es. Es ist lediglich ein Ger\u00fccht, dass M\u00e4nner nicht witzig sind \u2013 lustige M\u00e4nner fragen das \u00fcbrigens nie. Die wissen, dass Humor harte Arbeit ist, die am Ende aber immerhin mit viel Geld und viel Sex belohnt wird. Etwas weniger lustige M\u00e4nner zeigen noch eine weitere Reaktion, wenn sie von meinem Beruf erfahren. Sie fragen, ob ich den schon kenne. Ja, sie erz\u00e4hlen mir tats\u00e4chlich einen Witz. Und nein, sie fragen nicht etwa, ob ich ihnen einen erz\u00e4hlen k\u00f6nne. Immerhin ist das ja mein Job. Was machen diese M\u00e4nner, wenn sie ein Date mit einer Anw\u00e4ltin haben? Zitieren sie aus dem BGB? Und singen sie f\u00fcr Kinderg\u00e4rtnerinnen das Lied vom Plumpsack? Und was machen sie bei Chirurginnen? Ach, ich will es gar nicht wissen. Es ist sogar schon dreimal vorgekommen, dass M\u00e4nner mir erst einen Witz erz\u00e4hlten und dann zu mir sagten, ich d\u00fcrfe diesen Witz auch gerne f\u00fcr meine Arbeit verwenden. Und wir reden hier nicht von geistreichen Bonmots, sondern von \u201eTreffen sich zwei J\u00e4ger, beide tot.\u201c. Wenn sie h\u00f6ren, dass ich Autorin bin, fragen einige M\u00e4nner auch sofort: \u201eF\u00fcr Kinderb\u00fccher?\u201c. Nichts gegen Kinder, einige meiner besten Freunde sind Kinder. Aber die Vorstellung, dass Frauen vor allem f\u00fcr Kinder schreiben m\u00f6chten, ist dann absurd, wenn der Mann nicht gerade aus einer Zeitkapsel gestiegen ist, in der er seit 65 Jahren auf Trockeneis lag und zwar ohne Internetanschluss. Aber ich mache hier Witze \u00fcber die Fragen der M\u00e4nner, dabei sind das noch die interessanteren Begegnungen, immerhin m\u00f6chten sie etwas von mir wissen (auch wenn es nur mein Kontostand ist). 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