Warum ich aufhörte, nett zu sein

Als durchaus experimentierfreudiger Mensch habe ich einen Versuch gestartet, der ungewöhnliche Wege beschritt und so umfassend scheiterte, dass ich ihn aufschreiben musste:
Ich war nett im Internet.

Geübte User werden nun die Hände über den Kof zusammenschlagen und ob meiner Naivität um Fassung ringen, aber ich wollte es nicht unversucht lassen.

Seit 2010 entwerfe ich mal mehr, mal weniger lustige Grafiken und stelle sie in das Graphitti-Blog. Aus dem Blog wurde ein Buch, ein kreatives Spaßprojekt bleibt es dennoch.

Anfangs bekamen wir viele Anfragen, ob man auf unser Blog oder auf einzelne Grafiken verlinken dürfe und ich hatte schon die Befürchtung, die Abmahnungslust großer Bildagenturen oder kleinerer Kochbücher habe die Verlinkungsfreude des Internets gelähmt. Meine Standardantwort in diesem Fall war – und ist noch immer – , dass wir uns über Verlinkungen sehr freuen und dass nicht-kommerzielle Anbieter auch unsere Grafiken auf ihren eigenen Seiten posten können, wenn sie denn die Quelle angeben.

Das Nettsein war bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Problem: Unser Nettsein (kostenloser Content) wurde mit dem Nettsein des Internets (Verlinkungen, Kommentare, Zuschriften) belohnt.

Dann gab es den ersten, noch winzig kleinen Zwischenfall. Ein Tweet wurde eines Abends in meine Timeline retweetet, der auf ein Twitpic verlinkte. Das Bild war eine meiner Grafiken und ich schrieb dem Twitterer in einem nicht unfreundlichen Ton, dass es höflicher wäre, nicht so zu tun als sei das Bild von ihm, sondern die Quelle anzugeben. Seine Reaktion fiel anders als erwartet aus. Statt sich zu entschuldigen, den Fehler zu korrigieren oder mich wenigstens peinlich berührt zu ignorieren, warf er mir vor, es sei meine eigene Schuld, wenn ich keine Wasserzeichen auf meine Bilder setze und dieser Meinung folgten auch alle anderen, die diese Konversation lasen und kommentierten.

Meine Nettsein-Strategie wurde davon nicht berührt, ich schob es auf eine besonders hohe Trotteldichte am späten Abend auf Twitter und als sich ähnliche Geschichten wiederholten, ignorierte ich diese einfach peinlich berührt.

Dann, im Dezember letzten Jahres, machten mich Leser unseres Blogs darauf aufmerksam, dass auf der Facebookseite eines Fernsehsenders eine meiner Grafiken gepostet worden war, ebenfalls ohne Quellenangabe. Ich schrieb die Quelle in die Kommentare, was bei mittlerweile schon mehr als 2.000 Anmerkungen zu meiner Grafik denselben Effekt hatte, wie meinen Katzen zu verbieten, im Bett zu schlafen. Außerdem wendete ich mich per E-Mail an den Sender und erklärte ihnen die Sache mit dem Urheberrecht und wollte mich diesbezüglich mit ihnen einigen. Drei Tage später erhielt ich eine Antwort, die mit dem Satz „Nichts für ungut.“ begann und im Grunde auch so endete.

Das war das erste Mal, dass ich mein Nettsein pausieren ließ und Menschen beauftragte, in meinem Auftrag zwar nicht direkt unnett zu sein, aber zumindest ein solches Verhalten nicht peinlich berührt zu ignorieren.

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Vor meinem geistigen Auge sah ich Heerscharen von Piraten vor meiner Wohnung gegen die Contentmonopolistin Katja „the SOPA“ Berlin demonstrieren, die mit ihrer kruden Vorstellung von geistigem Eigentum der freien Informationsgesellschaft Steine in den Weg legt. Ich wollte nicht so sein. Andererseits achte und schätze ich das Urheberrecht und konnte mich zudem aus meiner moralischen Bredouille retten, indem ich mir sagte, dass ich es hier nicht mit einem unhöflichen Twitterer, sondern mit einem großen Medienkonzern zu tun habe, der im umgekehrten Falle sicherlich auch nicht nett geblieben wäre.

Leider wiederholte sich dieser Fall bislang viermal in diesem Ausmaße und nur ein einziger kommerzieller Anbieter entschuldigte sich für diesen Fehler und zahlte mir für die Nutzung meiner Grafik Lizenzgebühren ohne den unerfreulichen Umweg über Anwälte gehen zu müssen.

Mein Versuch, nett zu sein, hörte hiermit gegenüber kommerziellen Anbietern auf. Aber es blieben ja noch größere nicht- oder semi-kommerzielle Anbieter. Als Testobjekt rückte nun eine sehr kleine westdeutsche Stadtzeitung in mein Blickfeld, wiederum ein Hinweis eines Bloglesers. Auch hier die Ausgangslage, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe auf der Facebookseite gepostet wurde.

Ich schrieb dem Chefredakteur eine E-Mail, indem ich ihn über mein Urheberrecht in Kenntnis setzte, ihm mitteilte, dass ich keine Anwälte einschalten werde und ihm eine Rechnung über eine kleine Lizenzgebühr in Aussicht stellte. In seiner ersten Mail schrieb er, dass er ja nicht wusste, dass die Grafik von mir sei* und ich selber schuld sei, weil ich keinen Copyrighthinweis auf das Bild gesetzt habe. Auf meine zweite, etwas weniger nette Mail kam die Antwort: „wenn es denn um eine entschuldigung geht – bitteschön, hiermit entschuldigen wir uns.“.

Damit war die Sache für mich erledigt. Manchmal reicht ja auch einfach eine liebevolle, von Herzen kommende Entschuldigung, um sich gütlich zu einigen. Netten Menschen kann man einfach nichts abschlagen.

Dass ich gestern den Test nun doch komplett abbrechen musste, lag an einer nicht-kommerziellen Facebookseite mit sehr, sehr vielen Fans, die Fotos und Texte postet. Ich bekam mal wieder den Hinweis, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe gepostet wurde. Also habe ich das getan, was ich auch schon bei dem ersten Fernsehsender getan habe: Ich schrieb die Quelle in die Kommentare und bat höflich darum, zukünftig unseren Inhalt einfach zu sharen oder zu verlinken. Drei Stunden später war mein Kommentar gelöscht.

Damit war mein Experiment gescheitert. Ich habe die Urheberrechtsverletzung Facebook gemeldet, das den Inhalt mittlerweile entfernt hat. Das war nicht nett, aber ich hatte keine Lust mehr.

Ergebnisse meines Experimentes:

  1. Zum Glück ist der überwiegende Teil des Internets immer noch nett. Sämtliche Hinweise auf geklaute Grafiken stammten von Blogleserinnen und -lesern, denen es ebenso missfällt, wenn fremde Inhalte ohne Quellenangabe gepostet werden. Dem kleinen weniger netten Teil wünsche ich keine Netzsperren, sondern fies juckenden Ausschlag.
  2. Urheberrechtsverletzungen sind die eine Sache. Die können einem durchaus mal durch Unwissenheit, Faulheit oder Unorganisiertheit passieren. Meistens steckt ja kein böser Wille dahinter. Eine andere Sache jedoch ist es, wie bei einem netten Hinweis damit umgegangen wird. Die Tatsache, dass sich nur ein einziger Anbieter bei mir ernsthaft entschuldigt und sein Fehlverhalten umstandlos eingesehen hat, hat mich enttäuscht.

 

* Alle Titel meiner Grafiken führen bei einer einfachen Googlesuche aufs Blog, geübte Journalisten könnten die Quelle also durchaus recherchieren.

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Museumsführung

Berlin ist keinesfalls arm an Museen, aber seit der MoMA-Ausstellung 2004 ist es eigentlich kaum noch möglich, eines davon zu besuchen. Warteschlangen haben sich damals als wichtigster Indikator künstlerischer Relevanz etabliert und begeistern nun Besucher, Aussteller und Medien gleichermaßen. Wer sich beispielsweise die „Gesichter der Renaissance“ im Bode-Museum ansehen wollte, musste zunächst seinen gesamten Jahresurlaub nehmen und sich dann irgendwo hinter Prenzlau ans Ende der Wartenden einreihen.

Mein Wochenende in Paris nutzte ich daher,
um mir mit K.  im Louvre alte Kunst anzusehen, die damals erstaunlicherweise noch völlig ohne Beamer, aufgeschnittene Tiere, Nylonstrümpfe und Lautsprecher auskam.

Man geht von der Metrostation durch eine unterirdische Ladenpassage direkt in den Eingangsbereich unter der Glaspyramide. Vorher muss man seine Tasche durch ein Röntgengerät schicken, wobei mir nicht klar wurde, wonach dabei gesucht wird. Meine Coladose, die ich dem französischen Sicherheitsbeamten pflicht- und schuldbewusst zeigte, wurde zum Beispiel anstandslos durchgewunken. Vor Phosphorsäureanschlägen auf Kunstwerke scheint man sich hier jedenfalls nicht zu fürchten. Auch Feuerzeuge, Stifte und ähnlich potenziell Bildergefährdendes sind kein Problem. Der Versuch mit Panzerfäusten steht allerdings noch aus.

Am warteschlangenfreien Eingang muss man sich dann entscheiden, in welchen der drei Gebäudeteile man zuerst gehen möchte. Der Louvre hat eine Größe, die ungefähr der des Saarlandes entspricht – jedenfalls dem Saarland in meiner Vorstellung. Als Erstbesucherin habe ich den Denon-Flügel gewählt, in dem die Mona Lisa lächelt. Auf dem Weg zu ihr durchquert man die Skulpturenabteilung mit ihrem Heer an Cäsaren, Göttinnen und Göttern. Ihre Körper sind so schlank und durchtrainiert, dass sie heute als falsche role models verachtet und zur Strafe auf die Cover sämtlicher Modemagazine verbannt würden.

Ein Stockwerk höher kommen die Gemälde. Aus Angst, beim genaueren Betrachten der Tizians, Raffaels und Tintorettos bis zum Schließen des Museums nicht weiter als bis zum 3. Raum zu kommen, stürme ich mir die Augen zuhaltend in den 6. Raum zu La Joconde. Ungefähr hundert Menschen sammeln sich vor da Vincis Gemälde und lächeln zurück. Oder sie lächeln vielmehr über das Schild vor dem Bild, das Fotografieren mit Blitzlicht verbietet.  Einige lächeln auch, weil sie sich hinter die Absperrung drängen und sich direkt vor dem Bild mit Mona Lisa fotografieren lassen, natürlich mit Blitzlicht.

Ich hege die Hoffnung, dass sämtliche Bilder im Louvre Fälschungen sind und die Pariser daher so entspannt im Umgang mit Coladosen im Museum sind. Als Witz stellen sie dann eine 1,50 m große Wächterin neben das bekannteste Gemälde der Welt, die nicht mal bei gezückten Panzerfäusten Interesse an ihrem Job simulieren würde.


Es ist mittlerweile gegen 12 Uhr und
der Denon-Flügel beginnt sich zu füllen.
Wir laufen zurück zum Eingang und bleiben nur vor den bekanntesten Werken stehen, die durch eine fotografierende Menschentraube leicht zu erkennen sind.

Schließlich verlassen wir die alten Italiener für die alten Niederländer und Deutschen. Im Richelieu-Flügel sind wir entre nous, hier sieht man weder russische noch japanische Besuchergruppen. Nur einige wenige Museumswächter stehen am Fenster und quatschen. Vermutlich sind die anderen im Keller und malen gestohlene oder durch Cola ruinierte Renoirfälschungen nach.

Es ist wie auf einer Oscar-Verleihung, bei der man an Matt Damon, Sandra Bullock und Kevin Spacey vorbeigeht, ohne sie zu erkennen, weil so viele von denen rumstehen und man eigentlich auf der Suche nach Jude Law ist. Jedenfalls übersehe ich auf der Suche nach Jan Vermeer einige van Dycks und van Eycks, kehre um, weil ich auch den Dürer übersehen habe, nur um dann festzustellen, dass „Die Spitzenklöpplerin“ zurzeit verliehen ist.

Dafür entdecke ich andere Raritäten, wie etwa
das Kind, das krassere Augenringe hat als ich.

Hinter dem Rembrandtraum kapitulieren wir. Wir suchen nach dem grünen Bild, das uns die Richtung des Ausgangs weist und verlassen den Louvre über die hässliche Glaspyramide. Ab hier muss man nur noch 536 Eiffelturmsouvenirverkäufer abwimmeln, um ein Café zu finden, in dem man sich hinsetzen und ausruhen kann.
Der nächste Jahresurlaub wird eingereicht, um den Louvre vollständig zu besichtigen.

Meine Fotos sind übrigens deshalb so unscharf, weil ich als einzige Besucherin kein Blitzlicht verwendet habe. Meine Fälschungstheorie haben mir nämlich noch nicht ausreichend viele allwissende Topcheckerblogger bestätigen können.
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“Kann nur jedem abraten!”

Durch das Internet werde ich langsam, aber sicher zur Konsumverweigerin. Allerdings nicht etwa, weil mir erst durch Links auf Twitter klar geworden wäre, dass Nestlé das Palmöl gar nicht aus nachhaltiger Forstwirtschaft in der Südschweiz bezieht und Schlecker seine Kundschaft doch nicht für so akademisch-feinsinnig hält, wie es die ästhetische Filialgestaltung vermuten ließe. Nein, moralisch-ethische Konsumbedenken konnten auch vor der flächendeckenden Internetverbreitung durch ausreichendes Informationsmaterial gefüttert werden. Was mich verstärkt vom Geldausgeben abhält, sind die Rezensionen, Kritiken und Testberichte, die es zu jedem Produkt in millionenfacher Ausführung gibt.

Die Suche nach einem Hotelzimmer etwa ist nicht mehr möglich, ohne dass man vor der Buchung an den Erfahrungsberichten anderer Touristen über dieses Hotel vorbeikommt. Selbst wenn man die einzelnen Kritiken nicht liest, wird einem überall die Gesamtbewertung in Form von Sternen, Smileys, Sonnen oder Punkten angezeigt. Wenn das gewünschte Hotel, das so zentral liegt, eine so nette Terasse hat und sogar über freies WLAN verfügt, dann aber leider von den Usern nur mit drei von vier Sternen bewertet wurde, kann man es unmöglich buchen. Man ist ja immerhin nur noch eine Sucheingabe davon entfernt, ein Vier-Usersterne-Hotel zu finden. Eines, das außerdem noch ein Jacuzzi auf der netten Terasse hat und dabei weniger kostet.

Ehe man sich versieht, ist es Mitternacht und die einzigen Vier-Usersterne-Hotels, die man gefunden hat, berufen sich auf eine einzige Kundenbewertung, die in verdächtig schlechtem Deutsch verfasst wurde. Das liegt nicht daran, dass alle Hotels dreckig und verkommen sind, sondern dass es unmöglich ist, es allen Internetnutzern recht zu machen. Im besten Fall bucht man schließlich doch ein Zimmer im ersten Hotel und verdrängt bis zum Urlaub erfolgreich, dass eine Userin Staub in der unteren Nachttischschublade gefunden hat und einem anderen User die Früstücksbrötchen zu trocken waren. Im schlechtesten Falle sucht man so lange weiter, bis alle Hotels ausgebucht sind und man auf Amazon Zeltbewertungen lesen muss.

Schon seit einiger Zeit suche ich ein Androidsmartphone. Dafür lese ich redaktionelle Testberichte auf einschlägigen Seiten, die zwar mein Technikverständnis überfordern, mir aber das Gefühl vermitteln, für eine Kaufentscheidung ausreichend informiert zu sein. Sobald ich eine gefällt habe, muss ich jedoch dieses Ein-Mann-(leider viel zu selten eine Frau)-Eine-Meinung-Umfeld verlassen und auf Onlineshops gehen, die dieses Produkt wieder von den Usern bewerten lassen. Meine Kaufentscheidung zerbröselt schneller als ein Hobbykritiker „Kann ich nur von abraten!“ tippen kann. Auch wenn zu vermuten bleibt, dass JEDES Smartphone besser wäre als mein kaputtes altes Sony-Ericsson-Handy, kann ich mich nicht zu einem Kauf eines Produktes durchringen, dass von einem User als Ramsch bezeichnet wird, weil es keine Kopfhörer im Lieferumfang enthält.

Mein einziger Versuch, diesem Dilemma zu entgehen, scheiterte umfassend. Der Rechner, den ich mir vor eineinhalb Jahren kaufte, ohne vorher auch nur eine Onlinebewertung darüber gelesen zu haben, ist das qualitativ schlechteste Produkt des Jahrhunderts. Der Kundendiensttresen meines Elektronikhändlers ist seitdem mein Stammtisch.

Mir bleibt also keine andere Wahl, als mich von der Meinung der Massen von dem Kauf diverser Produkte abhalten zu lassen und das dadurch gesparte Geld in Weißwein und Katzenfutter zu investieren. Sollte ich je zufällig auf eine Grundnahrungsmittelbewertungsseite stolpern, wäre ich geliefert.

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Anleitung zum Internet

Man sagt, das Internet bestehe aus Katzen und Pornos.

Falsch.

Das Internet besteht aus Katzen, Pornos und motzenden Menschen. Vorwiegend letzteres. Es ist ein großer Tummelplatz für Wüteriche, Besserwisser und beleidigte Leberwürste*. Wenn man mal aus Versehen einen Blick in Onlineforen wirft, könnte man meinen, sämtliche Kommentatoren seien im Wald von einem Rudel BVG-Busfahrer großgezogen worden.

Man blickt hinab in die „Tiefenschichten der Entrechteten“**, die von unfähigen Politikern regiert werden, von Schwachmaten umgeben sind oder von Muslimen/Frauen/Juden/Außerirdischen beherrscht und gedemütigt werden.  Im Netz dürfen sie sich endlich dagegen wehren und der Welt die Wahrheit verkünden. Auffällig oft verlieren sie dabei zusammen mit ihrer guten Kinderstube, einer gesunden Objektivität und Ironiefähigkeit auch ihre Rechtschreibkenntnisse***.

Der Anlass ihres Ärgers sind nicht nur tagespolitische Ereignisse, die sie im SPON-Forum diskutieren, sondern potenziell jeder im Internet nachlesbare Inhalt. Dabei kann es sich um Kochrezepte, Museumsbeschreibungen oder, wie in meinem Falle bei graphitti-blog.de, um mehr oder weniger lustige Bildchen handeln. Oft reicht ein einziges Stichwort, um unabhängig vom  eigentlichen Thema des Blog- oder Webseiteninhalts eine cholerische Diskussion in den Kommentarfeldern zu entfachen, die nur noch von einem löschaffinen Moderator gestoppt werden kann.

Wer hier versucht, mit Ironie gegenzusteuern, hat verloren. Um seinen Platz im Netz zu behaupten, hat man daher nur noch eine Möglichkeit: Man muss mitmachen. Freunden ausgewogener Diskurse fällt das meistens schwerer als ein Feierabend ohne Rotwein. Als Hilfestellung biete ich an dieser Stelle eine Reihe von Keywords, die ausreichend häufig angewendet, den Sieg in sämtlichen Onlinediskussionen quasi garantieren: Lakaien, Abnickerverein, Steuerknechte, „Volksvertreter“ (rofl), verlogener geht’s kaum noch, armes Deutschland!, der kleine Mann, das ist so typisch deutsch!, die so genannte „political correctness“ und gute Nacht, Deutschland!

Wenn alles nichts hilft, kann man immer noch den Kommentatorenjoker ziehen und alle anderen mit einem „Ach, halt doch dein dummes Maul!“ in ihre Schranken weisen.

* Es gibt auch Besserwisserinnen und beleidigte Leberwürsterinnen, allerdings sind sie deutlich in Unterzahl.
** Karl Marx meinte damit nicht das Internet, aber es passt so schön.
*** Dann gibt es aber glücklicherweise meistens noch andere Kommentatoren, die sich über falsche Orthografie beschweren.

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I just ousted Klaus Wowereit as the mayor of Berlin

Eine Woche vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus ist die Stimmung in der Stadt denkbar unaufgeregt. So gerne sich die Stadt als innovative, ständig den Puls der Zeit fühlende Metropole verkaufen lässt, so konservativ sind ihre Bewohner.

Der Berliner mag keine Veränderungen und hat daher in den letzten zwanzig Jahren konstant gelitten. Allerdings hat er sich während dieser langen Zeit auch an den Zustand gewöhnt und wird am 18. September wieder den Mann wählen, der ihm die Kontinuität der Veränderung verspricht.

Die Parteien streiten im Wahlkampf etwas unbeholfen über Bildung, Tempo 30 und die Frage, warum Klaus Wowereit auf dem einen Plakat ein Stoffkrokodil ins Gesicht gedrückt bekommt. Die Grünen bringen noch ein bisschen Atom ins Spiel, was mit Berliner Stadtpolitik weniger zu tun hat als die FDP nach den Wahlen.

Bis auf die CDU, deren Spitzenkandidat mit randloser Brille Wirtschaftskompetenz ausdrücken möchte, versucht keiner ernsthaft, den Berlinern mehr Arbeitsplätze zu versprechen.  Dies wäre ebenso realistisch wie die Forderung, Knut wiederzubeleben.

Wenn sich doch aber alle darüber einig sind, wäre es doch nur recht und billig, Themen auf die politische Agenda zu setzen, die wirklich gefragt sind und zum garantierten Wahlsieg führen. Der Schlüssel zum Erfolg: die Kiezmentalität dieser Stadt.

Wie Markus Babbel richtig erfasst hat, neigt der Berliner tendenziell gerne mal zu Größenwahn, also habe ich eine kleine Liste mit Zielen erstellt, die jeder Partei die absolute Mehrheit im Abgeordnetenhaus sichern würden:

- Das Bauvorhaben „Themenpark West-Berlin“ im Bahnhof Zoo mit Eberhard Diepgen als
Direktor und Rolf Eden als Programmchef in der Außenstelle Bierpinsel.
- Industrielle Investoren bekommen Bauland außerhalb der Stadtgrenze geschenkt. Sollte Brandenburg mucken, droht Berlin seinen Nachbarn mit generellem Hausverbot in allen Berliner Clubs und Discos.
- Außerdem bekommt Brandenburg im Gegenzug Marzahn.
- In Pankow und Köpenick wird die Jugendweihe wieder verpflichtend.
- In Wilmersdorf oder Friedenau wird ein Trümmerfrauendenkmal errichtet
(“Wir haben ja schließlich auch gelitten!”).
- Die Flugroute nach Schönefeld wird nicht über Wannsee, sondern ausschließlich
über Brandenburg gehen (auch hier gilt bei Widerstand die Hausverbotsdrohung).
- Besitzer abgefackelter Autos erhalten die Abwrackprämie.
- Spandau wird das eigene Stadtrecht in Aussicht gestellt, da es mittlerweile auch in anderen Bezirken IKEA-Filialen gibt.
- Charlottenburg und Schöneberg bekommen die Zusicherung, einmal pro Jahr in den Stadtmagazinen Zitty und Tip als „auch irgendwie ganz coole Bezirke“ genannt zu werden.
- In Mitte, Prenzlauer Berg und Kreuzkölln bekommen Eltern die Zusicherung, dass ihre Kinder nicht mit Ausländern in die Grundschule gehen müssen.
- Friedrichshainer müssen keine Regelstudienzeit einhalten.
- und Reinickendorf wird weiterhin von allen in Ruhe gelassen.

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Bei euch heißt es Sperrmüll, wir nennen es Galerie

Die Ausstellung „based in Berlin“ zeigt derzeit an verschiedenen Standpunkten Werke in Berlin lebender junger Künstler. Ein darüber hinaus gehendes Konzept gebe es nicht. So heißt es jedenfalls offiziell. Tatsächlich jedoch ist sie eine ausgesprochen gelungene Persiflage auf die zeitgenössische Berliner Kunst, die ebenso zuverlässig peinlich-banal ist wie sie ernsthafte Erwähnungen in Feuilletons findet.

Hauptausstellungsort ist das Atelierhaus im Monbijoupark. Hier zeigen die Macher, dass sie auch wirklich kein billiges Klischee über neue Berliner Kunst ausgelassen haben: Auf Stoff gedruckte Fotos von Treppenliftern, ein blubberndes Aquarium, eine an die Wand gepinnte Schäferhundpostkarte und Erdöl auf einer weißen Leinwand. Letzteres soll nach dem BP-Desaster wohl den gesellschaftskritischen Teil abdecken. Es wird viel mit Konzeptkunst gearbeitet, was den Vorteil hat, dass man dafür nicht malen können muss.

Eine große Anzahl junger Leute sitzt in den Ausstellungsräumen und bildet einen Teil des Gesamtwerkes. Frisch aus der King Size Bar rekrutiert spielen sie trendig aussehende Ausstellungswärter und versuchen nicht über den Unfug zu kichern, den sie bewachen sollen.

Um junge Berliner Kunst formvollendet zu karikieren, bedarf es natürlich der Hipster, die auf keinem Kunstevent fehlen dürfen. Ihr Treffpunkt ist Cookies Bar im Eingangsbereich. Cookie, der in den 90ern Berlins Aufstieg als Partystadt mitgestaltete, ist mittlerweile so etwas wie Rolf Eden in cool. Da der Barraum trotz einer Drehende-Sonnenschirme-Installation selbst für Berliner Verhältnisse ungemütlich wirkt und der Sommerabend lau ist, versammeln sich die Hipster draußen an einem langen Tisch. Touristen, die diese Performance als solche nicht erkennen, trauen sich hin und wieder, sich mit einem Glas Wein daneben zu setzen.

Das sorgt für ein paar Irritationen, denn der ironisch getragene Bart des Mittehipsters sieht genauso aus wie der des Bielefelder Familienvaters, der ihm gegenüber sitzt und nur das American-Apparel-Shirt bleibt dem jungen Kreativen als Distinktionsmerkmal.

Doch von diesem kleinen Wermutstropfen abgesehen zeigt „based in Berlin“ einen gelungenen Überblick über all die gehypten Verfehlungen der kreativen, weltoffenen, sich ständig neu erfindenden Neuberliner Kunstszene.

Das Augenzwinkern muss man sich einfach dazu denken.

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Foodblogging für Singles I

Kochen ist gesund, bereitet Freude und daher gibt es keinen Grund, dieses Feld den Pärchen zu überlassen. An einem einsamen Sonntagabend lohnt es sich also durchaus, im Kühlschrank nach Lebensmitteln zu suchen, um sich daraus ein leckeres Mahl zuzubereiten.

Ich stelle hier nach und nach meine Lieblingsrezepte vor, die schnell und einfach zuzubereiten sind, und insofern auch weniger erfahrenen Singleköchinnen und -köchen gelingen werden.

œufs brouillés (1 Person)

  • 2 Eier (nach meinen Erfahrungen auch noch ok, wenn das MHD ein paar Tage überschritten ist)
  • Öl
  • Salz
  • Pfeffer

Einfach das Öl in der Pfanne erhitzen, dann die beiden Eier aufschlagen und dazugegeben, Salz und Pfeffer nach Belieben drüberstreuen. Fertig!

Als Dessert empfehle ich 0,75l Weißburgunder, gerne auch aus einem Wasserglas, da das meiner Erfahrung nach besser in die Spülmaschine passt.

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Und dann biste 31, trinkst Filterkaffee und machst die Ablage

„Na, wie war dein Wochenende?“. Die obligatorische Montagsfrage im Büro ist wie eine Hängebrücke aus Zahnseide. Ein Balanceakt höchster Schwierigkeitsstufe.

„Ach, ich war mit meinen Freundinnen unterwegs, habe mich komplett betrunken und bin am Sonntag neben einem fremden Typen aufgewacht, der noch seine Socken anhatte.“ FALSCHE ANTWORT. Erstens in der Regel gelogen und zweitens wirst du schneller als Büroschlampe abgetan als die Sekretärinnen dieses Wort in eine Rundmail tippen können.

„Nichts weiter. Ich war am Samstag bei Ikea und gestern habe ich Tatort geguckt.“ EBENSO FALSCHE ANTWORT. Du provozierst in diesem Falle zwar keinen Neid, dafür gönnst du den Kolleginnen mit Verlobten und Wohnzimmerschrank den Triumph, dass du als Single auch kein aufregenderes Leben führst als sie. Stimmt zwar, wenn du ehrlich bist, aber das muss man ihnen ja nicht auf die Nase binden.

Meine zugegebenermaßen geniale Standardantwort auf diese heikle Frage lautet daher in der Regel: „Danke, war super. Samstag wurde es ein bisschen länger (an dieser Stelle geheimnisvoll lächeln), dafür habe ich gestern entspannt.“ [Protagonistin tritt ab, die   Kolleginnen schauen sich an und versuchen dabei, möglichst wenig neugierig zu wirken].

Nach vier Bürojahren kenne ich mich eben einfach aus.

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Großartige Kleinigkeiten I

An der richtigen Position in der Supermarktschlange stehen, wenn eine neue Kasse aufgemacht wird

Auch die liberalisierten Öffnungszeiten haben nichts daran geändert, dass man gefühlt vierzehn Jahre seines Erwachsenenlebens in Warteschlangen von Supermärkten steht. In dieser Zeit könnte man ein Jurastudium absolvieren, russisch lernen und anschließend „Krieg und Frieden“ im Original lesen. Stattdessen bleiben wir dumm und haben dafür gefüllte Kühlschränke.

Hin und wieder ziehen wir jedoch das große Los, wenn eine Frau im Kittel von hinten zwischen den Wartenden durch an die unbesetzte Kasse läuft und uns mit einem Nicken deutet, dass wir uns jetzt auch an dieser Kasse anstellen können. Fair und anständig wäre es jetzt natürlich, die Leute vor uns in der Schlange, die ja noch länger warten, vortreten zu lassen. Das machen wir aber nicht, denn dieser Moment ist vom Supermarktgott eigens für uns geschaffen worden. Mit einem schnellen Spurt zur Seite stehen wir an erster Stelle am Band und während die Mitarbeiterin ihre Kasse einrichtet und freischaltet, blicken wir nach hinten, um die bewundernden Gesichter der Zuspätgekommenen zu genießen. Unsere gewonnenen fünf Minuten Lebenszeit nutzen wir dafür, vor dem Supermarkt in die Sonne zu gucken und darüber nachzudenken, dass das Leben es doch eigentlich ganz gut mit uns meint.

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