Die Wahrheit über Gesundbrunnen

Seit Oktober letzten Jahres wohne ich im Wedding. Seit Ende Dezember weiß ich, dass ich gar nicht im Wedding wohne, sondern in Gesundbrunnen. Mir war überhaupt nicht bewusst, dass es seit der Bezirksreform einen eigenständigen Ortsteil namens Gesundbrunnen gibt, der mit Wedding gar nichts mehr zu tun hat. Aber das ist ja auch erst seit 2001 so, ich konnte es als Berlinerin also gar nicht wissen. Mit Veränderungen haben wir es ja nicht so. Deshalb haben wir auch seit ungefähr 1874 denselben Bürgermeister, dessen einzige nennenswerte Leistung darin besteht, unseren Flughafen Tegel zu erhalten.*

Als mir dann durch Zufall plus Wikipedia klar wurde, dass ich überhaupt nicht im Wedding, sondern in Gesundbrunnen wohne, war es zu spät. Ich hatte schon allen Freundinnen und Freunden gesagt, dass ich im Wedding wohne, nun wollte ich ihnen eine erneute Veränderung nicht zumuten.

Außerdem kennt auch überhaupt niemand Gesundbrunnen. Nicht mal Anwohner. Alle blieben von der Bezirksreform völlig unbeeindruckt im Wedding wohnen.

Weil ich aber als Berlinerin natürlich sofort einen Kiezpatriotismus entwickelt habe, ist es nun an der Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken.

Wikipe20131019_174005dia weiß über Gesundbrunnen, dass er fast 90.000 Einwohner hat, davon knapp 60 % mit Migrationshintergrund, einen Umsteigebahnhof und einen sicheren hinteren Platz im Berliner Sozialatlas, dass es früher eine Heilquelle gab, dass Harald Juhnke hier aufwuchs und dass Hertha BSC hier ihren ersten festen Platz hatte. Der Ortsteil gehört zum Bezirk Mitte, grenzt an Prenzlauer Berg, Reinickendorf und Pankow. Zu Gesundbrunnen gehören u. a. das Brunnenviertel, der Soldiner Kiez, der Humboldthain und das Gebiet um die Reinickendorfer Straße.

Was man sonst über Gesundbrunnen liest, stammt meistens vom Polizeiticker. Seitdem ich hier wohne, habe ich bereits dreimal bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen Nachbarhäuser stürmen sehen. Ich fühle mich aber eigentlich immer sehr sicher, zumal vor meinem Haus ständig die Drogenfahndung steht, die das Studentenwohnheim gegenüber beobachtet.

Und man muss ja auch versuchen, dem etwas Positives abzugewinnen: Dafür habe ich in Gesundbrunnen noch nie eine Fahrradkontrolle erlebt. Keine Polizeistreife wird dich hier anhalten, weil du nicht genug Reflektoren am Fahrrad hast. Außerdem gibt es sowieso kaum Radfahrer. Radfahren auf der Prinzenallee oder auf der Badstraße ist in etwa so sicher und so spaßig, wie eine laufende Kettensäge zu umarmen. Die großzügig angelegten Radwege wurden von den Gesundbrunnerern kurzerhand zu Parkstreifen umfunktioniert. Dadurch kann man jetzt in der dritten Spur parken, womit vielen Einwohnern ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist.

Gesundbrunnen hat drei Naherholungsgebiete: Die Panke, den Volkspark Humboldthain und das Gesundbrunnencenter.

Ich weiß nicht, ob das allen schon aufgefallen ist. Das Gesundbrunnencenter sieht aus wie ein riesiges Passagierschiff. Ich stelle mir manchmal vor, wie wir uns dort bei der nächsten Sintflut paarweise einfinden, um die Zeit bis nach dem Regen bei nanu nana zu vertrödeln.

Wobei man als Anwohnerin gar keine Sintflut braucht, um im Gesundbrunnencenterschiff die Zeit zu vertrödeln.

Die zwei größten und wichtigsten Geschäfte im Gesundbrunnencenter sind Saturn und real. Dort hält sich immer ungefähr ein Drittel der fast 90.000 Einwohner auf. Davon die meisten bei Saturn in der Handyabteilung. Dort ballt es sich, als gäbe es in Gesundbrunnen nicht noch 5.000 andere Handygeschäfte. Während ich mein altes, dauernd abstürzendes Smartphone so lange behalte, bis es endgültig kaputt geht, nur um mich nicht über neue Handys informieren zu müssen, ist genau das hier Volkssport. Alle gucken sich neue Handys an. Ständig. Vermutlich sollte ich mich über ein neues Gerät gar nicht im Internet oder bei Verkäufern informieren, sondern einfach in die Handyabteilungsbesuchermasse hineinrufen, welches sie mir denn empfehlen und diesem Rat blind vertrauen.

Weitere Hauptattraktion im Saturn sind die Massagesessel. Im Obergeschoss des Gesundbrunnencenters stehen auch noch welche, aber da muss man Geld reinstecken, um sie zu benutzen. Bei Saturn kann man sie kostenlos ausprobieren. Jedes Mal, wenn ich im Saturn bin, sitzt dort eine komplette Familie auf den Sesseln und lässt sich massieren. Als ich das zum ersten Mal sah, weckte das in mir ca. 32 verschiedene Gefühle. Einerseits ist das natürlich wahnsinnig komisch, andererseits aber auch rührend und vor allem auch ein bisschen traurig, weil man sich ja durchaus schönere Familienausflüge als zu den Saturnmassagesesseln vorstellen könnte – allerdings kosten die meisten davon eben auch Geld und in Berlin ist es wie bei Monopoly: Die Badstraße hat den geringsten Wert.

Nach Saturn geht man zu real. Dort kann man alles kaufen: Fernseher, Wasserkocher, Werkzeug, Turnschuhe, Lebensmittel und natürlich auch Handys. Es ist wie ein Einkaufszentrum im Einkaufszentrum. Was sofort auffällt: An den Regalen stehen die Sortimentsbezeichnungen auf Deutsch und auf Türkisch.

In Prenzlauer Berg sind die Kindergärten zweisprachig, in Gesundbrunnen die Supermärkte. Das ist eine geniale Form der Erwachsenenbildung. Ich muss nur noch ein paar Mal einkaufen gehen, um bei meiner nächsten Türkeireise sicher und fehlerfrei Knabbergebäck, Schokoriegel und Handstaubsauger bestellen zu können.

Eigentlich müsste real aber noch einen Schritt weitergehen und die Regale auch auf Arabisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Hausa, Bambara, Amharisch, Chinesisch, Kisuaheli, Urdu, Polnisch und Russisch beschriften. Gesundbrunnen ist ja noch deutlich heterogener.

Denn während es nebenan im Wedding schon Urban Gardening, amerikanische Micro Breweries, Cupcakeläden und Longboardshops gibt, hat die Gentrifizierung Gesundbrunnen wenn überhaupt, dann bislang nur in homöopathischer Dosierung ergriffen. Es gibt lediglich eine Handvoll netter Bars und Restaurants. Das war’s.

Zwar gehören nicht mehr alle Vollbärte auf der Badstraße zu alten Männern und nicht mehr alle Jutebeutel sind nur für den Transport von Lidl-Cola gedacht. Aber das ist okay. In Gesundbrunnen sind eh alle scheiße angezogen, da fallen ein paar Hipster und ein paar Künstler auch nicht weiter auf. Noch heißt es hier jedenfalls deutlich häufiger çok güzel als nice.

Zugegeben, Gesundbrunnens Charme erschließt sich einem nicht auf Anhieb. Mit ihm verhält es sich so ein bisschen wie mit der Schinkelkirche am U-Bahnhof Pankstraße, die von Dönerläden, Matratzenoutlets und 1-€-Shops umzingelt wird: Sie fällt nicht sofort auf, aber wenn man sie sucht, findet man sie schnell.

Die hässliche 70erjahre-Architektur des Brunnenviertels garantiert die Durchmischung des Ortsteils bestimmt noch ein paar weitere Jahre. Und das ist auch gut. Nicht nur, weil wir Berlinerinnen und Berliner es nicht so mit Veränderungen haben, sondern vor allem, weil die Heterogenität den Gesundbrunnen so attraktiv macht und wenn wir mal von den paar Wohnungseinbrüchen und Überfällen absehen, läuft das Zusammenleben eigentlich viel harmonischer als uns der Polizeiticker weismachen möchte.

* Schönefeld wird nur nicht fertig, weil wir das nicht wollen und nicht, weil wir das nicht können.

Ein Gedanke zu „Die Wahrheit über Gesundbrunnen

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