In der Nahrungskette

Städte verändern sich. Das ist ihr Wesen. Würden Städte sich nicht verändern, hießen sie München.

Veränderungen sind ja an sich zumeist eine gute Sache. Ich schätze es sehr, dass wir nicht mehr Frauen als Hexen verbrennen, in Höhlen leben oder Wählscheibentelefone benutzen. Aber die meisten großartigen Veränderungen haben ihren Preis. Smartphones zum Beispiel sind großartig, in Sachen Lebensdauer den Wählscheibentelefonen aber deutlich unterlegen. Außerdem hat noch nie jemand im Restaurant das Gespräch unterbrochen, um auf sein Wählscheibentelefon zu gucken.

Ich schätze auch die allermeisten Veränderungen in Teilen Berlins*. Sie verliefen in den letzten Jahren etwas rasanter als in anderen Städten, es gab so viel nachzuholen. Die Stadt insgesamt ist offener und bunter geworden, schöner und aufregender als meine alte Heimat Westberlin.

Ich könnte also gut einen langen Text darüber schreiben, wie sehr sich Berlin zum Positiven entwickelt hat, aber wir sind hier im Internet, da muss man motzen und jammern. In dem Fall wird es mir zurzeit ziemlich leicht gemacht, denn der Preis für die positive Veränderung ist ganz konkret in Euro pro Quadratmeter auszurechnen.

In Berlin hat man schon immer gerne über die Mietpreise gesprochen. Ganz früher darüber, wie günstig man hier wohnen kann, später darüber, dass die Preise nun doch anziehen und mittlerweile wird das Gespräch immer häufiger von einem entsetzten Kopfschütteln unterbrochen. Man fragt sich, wo es eigentlich diese Jobs gibt, von denen man die neuen Mieten zahlen kann und man stellt fest, dass das böseste F-Wort in Berlin nicht für sexuelle Handlungen steht, sondern für Ferienwohnungen.

Das Problem ist hinreichend bekannt und es wird zumindest so getan als arbeite man an Lösungen. Aber diese Entwicklung hat einen Aspekt, über den man selten spricht: Man wird dabei selbst zum Arsch. Denn wer nicht selbst in die Außenbezirke ziehen möchte, sorgt zumindest indirekt dafür, dass andere das tun müssen.

Aus meiner letzten Wohnung in einer beliebten Gegend in Mitte musste ich vor einem Jahr ausziehen, nachdem das Haus von einer schwedischen Investmentgesellschaft gekauft wurde. Es wurde umgehend luxusmodernisiert – natürlich unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung, die von Mieterinnen und Mietern zu einem großen Teil selbst bezahlt werden muss. Diese Wohnung findet man zurzeit in den großen Immobilienportalen zur Vermietung ausgeschrieben, die Kaltmiete wurde exakt um 100 % erhöht.

Mit mir mussten u. a. zwei junge Familien und drei ältere Ehepaare aus dem Haus ausziehen, in dem einige schon seit 30 Jahren wohnten. Die meisten mussten den Bezirk verlassen, in Mitte kann man mit einer Ost-Rente nicht mehr viel anfangen.

Interessenten für die neue Wohnung werden nun ein komplett leeres Haus besichtigen, in dem es noch keine Nachbarinnen oder Nachbarn, dafür aber einen modernen Außenfahrstuhl gibt. Ihnen wird bewusst sein, dass der Auszug aller vorherigen Mieterinnen und Mieter nicht freiwillig erfolgte.

Da ich aus meiner jetzigen Wohnung wegen eines massiven Gebäudeproblems ausziehen muss, steht auch mir schon wieder ein Umzug bevor. Natürlich sind die Mieten innerhalb des letzten Jahres erneut angestiegen.

Nach acht Jahren in Berlin Mitte werde ich daher voraussichtlich aus diesem Bezirk wegziehen. Er ist zu teuer geworden, aber auch zu homogen und langweilig. Ich persönlich bin nicht besonders traurig darüber, Veränderung tut auch meinem Leben gut.

Was mich jedoch traurig stimmt, ist meine Rolle als Wohnungssuchende. Ich werde die gestiegenen Mietpreise in anderen Bezirken zahlen können – im Gegensatz zu vielen anderen Alteingesessenen. Jetzt bin ich es, die leere, neu sanierte Häuser im Wedding oder Tiergarten betritt und sich fragt, was mit den Vormietern passiert ist. Ob sie jetzt nach Spandau oder Marzahn ziehen mussten und was das eigentlich für eine Stadt bedeutet, wenn sich die Einwohner gegenseitig in die Peripherie verdrängen. Ob das nicht eine der wenigen Veränderungen ist, denen man so gar nichts Positives abgewinnen kann?

 

*Reinickendorf und Steglitz etwa sollten sich hier nicht angesprochen fühlen. Nein, ein, zwei neue Einkaufszentren zählen nicht zu den Veränderungen, die ich meine.