Katzen im Winter. Eine Gebrauchsanweisung.

Wenn die letzten Blätter von den Bäumen gefallen sind und die Abende kalt und dunkel werden, beginnt die Zeit der Besinnlichkeit. Kerzen werden angezündet, man zieht sich mit einem guten Buch  und einem noch besseren Rotwein auf den Sessel zurück.

Die Stille, die einkehrt, wird nur von dem Gluckern der Heizung oder vom Rascheln der kahlen Äste im Wind unterbrochen. Es ist die Zeit der Ruhe und der Einkehr.

Es sei denn, man hat Katzen.20130323_121616

Natürlich mag es Menschen geben, die mit Katzen im Winter Gemütlichkeit verbinden. Menschen, die an friedliche Schoßkatzen glauben, die ihren Schlaf vor dem Kamin nur unterbrechen, um niedlich zu gucken. Aber schließlich gibt es auch Menschen, die an den Weihnachtsmann glauben.

In Wahrheit ist der Winter mit Katzen nichts für schwache Nerven. Mit der Kälte kommen Langeweile und schlechte Laune, die Ihre Katze ungehemmt zeigen wird. Es erwartet Sie kein Kuschelkätzchen, sondern Liebes- und Schlafentzug, Ruhestörung, blutige Unterarme und Sachbeschädigung. Um die zu erwartenden Schäden so gering wie möglich zu halten, sollten Sie sich auf diese Zeit vorbereiten und ein paar Regeln beachten. Diese Anleitung hilft Ihnen dabei, in Sekundenschnelle auf die Bedürfnisse Ihrer Katze reagieren, genauso wie sie es von Ihnen erwartet.

Die Übergangszeit

Die Herausforderung beginnt spätestens im November mit dem Herbstregen. Kälte und Regen sind für Katzen noch beleidigender als Futter, das bereits seit zwei Stunden im Napf liegt. Zu Beginn der Übergangszeit können sie ihr Schicksal noch gar nicht fassen und überprüfen gewissenhaft die Gesamtwetterlage. Stellt sich heraus, dass es nicht nur vor dem Wohnzimmer, sondern auch vor der Küche regnet, beginnt die Stimmung zu kippen. Wenn es dann selbst vor dem Schlafzimmer gießt, kann Sie nichts und niemand mehr vor dem bewahren, was nun folgt: der „Ich bin jetzt wirklich sehr enttäuscht von dir.“-Blick.

Diesen Blick müssen Sie aushalten. Sie können nichts dagegen unternehmen. Halbjährliche Umzüge von der Nord- auf die Südhalbkugel und zurück wären nicht nur eine logistische und finanzielle Herausforderung, für Ihre Katze wäre auch das nicht hinzunehmen. Sie sollten daher zunächst einmal die Schuld für das schlechte Wetter auf sich nehmen und sich bei Ihrer Katze entschuldigen. Entschuldigen heißt in diesem Fall, ihr Lieblingsfutter zu kaufen.

Geben Sie Ihrer Katze außerdem ausreichend Möglichkeiten, das Wetter kontinuierlich zu testen und sich an die Kälte zu gewöhnen. Sollten Sie keine Katzenklappe haben, nehmen Sie sich am besten den November frei und stellen Sie sich neben die Tür. Öffnen Sie diese im Dreiminutentakt, um die ständig herein- und hinauswollende Katze nicht unnötig warten zu lassen.

Gegen die schlechte Laune helfen der Katze außerdem wichtige Unterlagen, teures Geschirr und empfindliche Kleidungsstücke in exponierter Lage. Eine sorgfältig arrangierte Blumenvase neben einem Laptop hat noch jeder Katze einen verregneten Nachmittag versüßt.

In der Übergangszeit beginnt die Kälte nun auch in die Wohnung zu kriechen. Selbst Katzen, die während des Sommers in eigenen Betten, in Besteckschubladen, Koffern oder Waschbecken übernachten, zieht es nun wieder nachts in Ihr warmes Bett. Respektieren Sie dabei unbedingt den Wunsch der Katze, in der exakten Bettmitte nächtigen zu wollen. Es soll Menschen geben, die auf kleinliche Besitzansprüche pochen und versuchen, die Katze ans Fußende zu legen – vergessen Sie es, Sie werden nur verlieren. Sparen Sie sich die Energie, um sich möglichst rückenschonend um die Katze herum zu arrangieren. Sollten Sie zwei oder mehr Katzen haben, sollten Sie Ihre Wirbelsäule mit speziellen Yogaübungen darauf vorbereiten.

Bitte denken Sie in der Übergangszeit stets daran: Es hat noch keine Katze vor einem vollen Futternapf geweint.

Die Adventszeit

Spätestens zum ersten Advent hat sich die Katze mit der Kälte abgefunden. Sie beklagt sich nun nicht mehr über das Wetter, sondern nur noch über ihre Langeweile. Zum Glück bietet ihr die Adventszeit neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Haben Sie in Ihrer Wohnung einen Holzfußboden? Dann kaufen Sie Wal- oder Haselnüsse. Keine Katze kann lange beleidigt sein, wenn Sie ihr die Gelegenheit geben, geräuschvoll Nüsse über das Parkett zu treten. Stundenlang. Die ganze Nacht. Bis zum Morgengrauen.

Sollten Sie Teppich haben, stellen Sie einen Bunten Teller auf. Am besten an Orte, die der Katze verboten wurden, also auf den Esstisch oder die Anrichte. Sie werden erstaunt sein, wo Sie bis in den nächsten Sommer hinein Zimtkekse finden werden und wie hartnäckig Schokoladenflecken sein können. Die Zufriedenheit Ihrer Katze dürfte über mehrere Stunden anhalten.

Auf dekorative, aber giftige Winterpflanzen wie Weihnachtsstern, Amaryllis und Misteln sollten Sie mit Katze ebenso verzichten wie auf Mingvasen, Fabergé-Eier und Perserteppiche. Als floraler Schmuck bleibt Ihnen dafür Katzengras. In weihnachtlichen Übertöpfen wirkt es zum Beispiel gleich nur noch halb so nichtssagend. Seine ganze Ausdruckskraft entwickelt es ja sowieso erst etwas später auf Ihrem Bettvorleger, wenn Sie barfuß hineintreten.

Weihnachtseinkäufe stehen im Mittelpunkt der Adventszeit. Um sich Panikattacken an verkaufsoffenen Sonntagen zu ersparen, bestellen immer mehr Menschen die Geschenke online. Das hat nicht nur für Ihre Nerven, sondern auch für Ihre Katze einen entscheidenden Vorteil: Kartons. Katzen und Kartons verbindet eine ebenso tiefe wie einseitige Liebe. Je größer der Karton, desto glücklicher ist die Katze. Kaufen Sie daher alle Ihre Weihnachtsgeschenke im Internet und achten Sie dabei auf die Größe der Versandverpackung. Ihre Verwandten werden sich über Matratzen, Rasenmäher und Couchgarnituren freuen, Ihre Katze wird Sie für die Kartons lieben.

Wenn Sie alle Geschenke zusammen haben, müssen Sie diese noch verpacken und zwar im Beisein Ihres Tiers. Diese Prozedur ist ein altbewährtes Hausmittel gegen die Wintermelancholie der Katzen. Sie können sich das wie American Football vorstellen: Niemand versteht die Regeln, aber man wird von allen Seiten angegriffen. Sensibleren Gemütern sei daher vom Gebrauch von Geschenkbändern abgeraten, sie maximieren unnötig das Verletzungsrisiko. Tragen Sie beim Einpacken der Weihnachtsgeschenke am besten Gartenhandschuhe, Schutzkleidung und Motorradhelm. Sollten Sie die Aufgabe gemeistert haben, schämen Sie sich nicht für das zu erwartende Ergebnis. Ihre Geschenke werden aussehen, als seien sie von Kleinkindern verpackt worden. Schieben Sie die Schuld dafür auf ihre eigenen oder notfalls auf fiktive Nachbarskinder.

Weihnachten

Weihnachten ist das Fest der Katzen. Zunächst einmal ist man mehrere Tage lang am Stück zuhause und kann dem Tier rund um die Uhr Aufmerksamkeit schenken. Da die meisten Katzen im Winter anschmiegsamer werden, nutzen sie diese Gelegenheit nach Kräften. Seien Sie darauf gefasst, zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung zu stehen, um dem plötzlich auftretenden Kuschelbedürfnis der Katze nachzukommen.

Davon abgesehen gibt es zwei weitere Attraktionen, die Weihnachten zu Katzens Liebling machen: Dekoration und Essen.

Wenn Sie ein Mensch sind, dessen Herz nicht an Gegenständen hängt, können Sie Ihre Wohnung auch trotz Katze dekorieren. Normalerweise wird Materialismus im Zusammenleben mit einer Katze schneller abtrainiert als Sie Ledercouch sagen können, doch Weihnachtsschmuck gilt zu Recht als besonders gefährdet.

Stellen Sie zum Beispiel eine Weihnachtskrippe auf und warten ab, was passiert. Sie werden recht schnell feststellen, dass der Esel auch auf drei Beinen stehen kann. Sollten Sie das kleine Jesuskind vermissen, schauen Sie am besten unter der Couch nach, es ist höchstens ein bisschen angeknabbert. Was Maria angeht, machen Sie sich besser keine Hoffnungen: Sie wird nie wieder auftauchen.

Ganz Mutige schrecken selbst vor einem Weihnachtsbaum nicht zurück. Überall versammeln sich Familien am Heiligabend friedlich unter dem Baum, um Punsch zu trinken und miteinander zu lachen. Fast überall. Katzenbesitzerinnen und Katzenbesitzer haben keine Zeit für Punsch unter der Tanne. Sie müssen aufpassen, dass die Katze nicht zu viel Lametta isst und nebenbei die Glasscherben der Weihnachtskugeln wegfegen, die heruntergeangelt wurden.

Sollten Sie sich dennoch für einen Baum entscheiden, besorgen Sie den stabilsten Christbaumständer, den Sie finden können. Fixieren Sie die Tanne am besten mit Dübeln und Stahlseilen und verwenden Sie nie echte Kerzen als Baumschmuck. Die Betonung liegt hierbei auf nie.

Der Höhepunkt der Festtage ist das Essen – vor allem für Ihre Katze. Glänzende Kinderaugen vor einem Haufen Geschenke sind nichts gegen die wahre, reine Begeisterung der Katze vor einem Weihnachtsmenü. Sobald Sie das Essen auftischen, wird Ihre Katze erkennen, dass sie Sie sehr liebt, auch wenn sie das vorher häufig nicht so gut zeigen konnte. Gänsebraten, Kartoffelsalat, alle Formen von Milchspeisen oder Käsefondue werden die Beziehung zu Ihrem Tier stärken.

Sie könnten natürlich versuchen, dem hungrig-verliebten Blick der Katze zu widerstehen und auf ihren Futternapf zu verweisen, Sie könnten aber genauso gut versuchen, die verschneite Hofeinfahrt mit einem Teelöffel freizuschaufeln.

Nutzen Sie diese Macht lieber für sich und lassen Sie Ihre Katze zeigen, wie sehr sie Sie liebt, bevor Sie ihr ein Stückchen Braten geben. Es werden die emotionalsten zwei Minuten Ihres Jahres werden.

Die restliche Weihnachtszeit können Sie ruhig auf Ihrem Sofa vor dem Fernseher verbringen und Ihre Katze auf Ihrem Bauch liegen lassen. Trinken Sie möglichst nichts, ein Toilettengang würde die Ruhe Ihres Tieres empfindlich stören.

Sollten Sie bis hierhin alles befolgt haben, dann gratuliere ich Ihnen: Sie haben Ihre Katze vielleicht nicht glücklich, aber zumindest etwas weniger unzufrieden mit der Gesamtsituation gemacht. Sie wird Ihnen dafür dankbar sein, jedenfalls bis Silvester. Dann wird sie Sie wieder hassen.