Warum ich aufhörte, nett zu sein

Als durchaus experimentierfreudiger Mensch habe ich einen Versuch gestartet, der ungewöhnliche Wege beschritt und so umfassend scheiterte, dass ich ihn aufschreiben musste:
Ich war nett im Internet.

Geübte User werden nun die Hände über den Kof zusammenschlagen und ob meiner Naivität um Fassung ringen, aber ich wollte es nicht unversucht lassen.

Seit 2010 entwerfe ich mal mehr, mal weniger lustige Grafiken und stelle sie in das Graphitti-Blog. Aus dem Blog wurde ein Buch, ein kreatives Spaßprojekt bleibt es dennoch.

Anfangs bekamen wir viele Anfragen, ob man auf unser Blog oder auf einzelne Grafiken verlinken dürfe und ich hatte schon die Befürchtung, die Abmahnungslust großer Bildagenturen oder kleinerer Kochbücher habe die Verlinkungsfreude des Internets gelähmt. Meine Standardantwort in diesem Fall war – und ist noch immer – , dass wir uns über Verlinkungen sehr freuen und dass nicht-kommerzielle Anbieter auch unsere Grafiken auf ihren eigenen Seiten posten können, wenn sie denn die Quelle angeben.

Das Nettsein war bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Problem: Unser Nettsein (kostenloser Content) wurde mit dem Nettsein des Internets (Verlinkungen, Kommentare, Zuschriften) belohnt.

Dann gab es den ersten, noch winzig kleinen Zwischenfall. Ein Tweet wurde eines Abends in meine Timeline retweetet, der auf ein Twitpic verlinkte. Das Bild war eine meiner Grafiken und ich schrieb dem Twitterer in einem nicht unfreundlichen Ton, dass es höflicher wäre, nicht so zu tun als sei das Bild von ihm, sondern die Quelle anzugeben. Seine Reaktion fiel anders als erwartet aus. Statt sich zu entschuldigen, den Fehler zu korrigieren oder mich wenigstens peinlich berührt zu ignorieren, warf er mir vor, es sei meine eigene Schuld, wenn ich keine Wasserzeichen auf meine Bilder setze und dieser Meinung folgten auch alle anderen, die diese Konversation lasen und kommentierten.

Meine Nettsein-Strategie wurde davon nicht berührt, ich schob es auf eine besonders hohe Trotteldichte am späten Abend auf Twitter und als sich ähnliche Geschichten wiederholten, ignorierte ich diese einfach peinlich berührt.

Dann, im Dezember letzten Jahres, machten mich Leser unseres Blogs darauf aufmerksam, dass auf der Facebookseite eines Fernsehsenders eine meiner Grafiken gepostet worden war, ebenfalls ohne Quellenangabe. Ich schrieb die Quelle in die Kommentare, was bei mittlerweile schon mehr als 2.000 Anmerkungen zu meiner Grafik denselben Effekt hatte, wie meinen Katzen zu verbieten, im Bett zu schlafen. Außerdem wendete ich mich per E-Mail an den Sender und erklärte ihnen die Sache mit dem Urheberrecht und wollte mich diesbezüglich mit ihnen einigen. Drei Tage später erhielt ich eine Antwort, die mit dem Satz „Nichts für ungut.“ begann und im Grunde auch so endete.

Das war das erste Mal, dass ich mein Nettsein pausieren ließ und Menschen beauftragte, in meinem Auftrag zwar nicht direkt unnett zu sein, aber zumindest ein solches Verhalten nicht peinlich berührt zu ignorieren.

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Vor meinem geistigen Auge sah ich Heerscharen von Piraten vor meiner Wohnung gegen die Contentmonopolistin Katja „the SOPA“ Berlin demonstrieren, die mit ihrer kruden Vorstellung von geistigem Eigentum der freien Informationsgesellschaft Steine in den Weg legt. Ich wollte nicht so sein. Andererseits achte und schätze ich das Urheberrecht und konnte mich zudem aus meiner moralischen Bredouille retten, indem ich mir sagte, dass ich es hier nicht mit einem unhöflichen Twitterer, sondern mit einem großen Medienkonzern zu tun habe, der im umgekehrten Falle sicherlich auch nicht nett geblieben wäre.

Leider wiederholte sich dieser Fall bislang viermal in diesem Ausmaße und nur ein einziger kommerzieller Anbieter entschuldigte sich für diesen Fehler und zahlte mir für die Nutzung meiner Grafik Lizenzgebühren ohne den unerfreulichen Umweg über Anwälte gehen zu müssen.

Mein Versuch, nett zu sein, hörte hiermit gegenüber kommerziellen Anbietern auf. Aber es blieben ja noch größere nicht- oder semi-kommerzielle Anbieter. Als Testobjekt rückte nun eine sehr kleine westdeutsche Stadtzeitung in mein Blickfeld, wiederum ein Hinweis eines Bloglesers. Auch hier die Ausgangslage, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe auf der Facebookseite gepostet wurde.

Ich schrieb dem Chefredakteur eine E-Mail, indem ich ihn über mein Urheberrecht in Kenntnis setzte, ihm mitteilte, dass ich keine Anwälte einschalten werde und ihm eine Rechnung über eine kleine Lizenzgebühr in Aussicht stellte. In seiner ersten Mail schrieb er, dass er ja nicht wusste, dass die Grafik von mir sei* und ich selber schuld sei, weil ich keinen Copyrighthinweis auf das Bild gesetzt habe. Auf meine zweite, etwas weniger nette Mail kam die Antwort: „wenn es denn um eine entschuldigung geht – bitteschön, hiermit entschuldigen wir uns.“.

Damit war die Sache für mich erledigt. Manchmal reicht ja auch einfach eine liebevolle, von Herzen kommende Entschuldigung, um sich gütlich zu einigen. Netten Menschen kann man einfach nichts abschlagen.

Dass ich gestern den Test nun doch komplett abbrechen musste, lag an einer nicht-kommerziellen Facebookseite mit sehr, sehr vielen Fans, die Fotos und Texte postet. Ich bekam mal wieder den Hinweis, dass eine meiner Grafiken ohne Quellenangabe gepostet wurde. Also habe ich das getan, was ich auch schon bei dem ersten Fernsehsender getan habe: Ich schrieb die Quelle in die Kommentare und bat höflich darum, zukünftig unseren Inhalt einfach zu sharen oder zu verlinken. Drei Stunden später war mein Kommentar gelöscht.

Damit war mein Experiment gescheitert. Ich habe die Urheberrechtsverletzung Facebook gemeldet, das den Inhalt mittlerweile entfernt hat. Das war nicht nett, aber ich hatte keine Lust mehr.

Ergebnisse meines Experimentes:

  1. Zum Glück ist der überwiegende Teil des Internets immer noch nett. Sämtliche Hinweise auf geklaute Grafiken stammten von Blogleserinnen und -lesern, denen es ebenso missfällt, wenn fremde Inhalte ohne Quellenangabe gepostet werden. Dem kleinen weniger netten Teil wünsche ich keine Netzsperren, sondern fies juckenden Ausschlag.
  2. Urheberrechtsverletzungen sind die eine Sache. Die können einem durchaus mal durch Unwissenheit, Faulheit oder Unorganisiertheit passieren. Meistens steckt ja kein böser Wille dahinter. Eine andere Sache jedoch ist es, wie bei einem netten Hinweis damit umgegangen wird. Die Tatsache, dass sich nur ein einziger Anbieter bei mir ernsthaft entschuldigt und sein Fehlverhalten umstandlos eingesehen hat, hat mich enttäuscht.

 

* Alle Titel meiner Grafiken führen bei einer einfachen Googlesuche aufs Blog, geübte Journalisten könnten die Quelle also durchaus recherchieren.